Jahr für Jahr am 14. Juli feiern die Franzosen ihr wohl beliebtestes Fest, ihren nationalen Feiertag, voller Ausgelassenheit und mit Tanz auf den Straßen bis tief in die Nacht. Der 14. Juli ist der Jahrestag des Sturms auf die Bastille, jenes einstmals so verhaßten "Bollwerks des Despotismus", mit dem 1789 die Französische Revolution begann, die das Zeitalter des Despotismus beendete und den Menschen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit versprach.

Wer in Allerweltsdarstellungen nachliest, was am 14. Juli 1789 geschehen sein soll, der erfährt, wie die 15 Kanonen der Bastille unentwegt auf das Volk feuerten und zahlreiche Opfer forderten. Von nahezu hundert Toten liest er und ebenso vielen Verwundeten;

Er erfährt von einem mehrstündigen erbitterten Gewehrfeuer und von einer Mauerbresche, durch die das Volk in die verhaßte Zwingburg hineinstürmte, um die in den Kerkern schmachtenden Gefangenen, die unschuldigen Opfer der Tyrannei, zu befreien, die dann als "Märtyrer des Königsdespotismus" im Triumph durch die Straßen von Paris geführt wurden. Und sicher liest er auch von den Siegern, den Helden oder – das war später ihr offizieller Titel – den "Erstürmern der Bastille". 863 Bürger waren berechtigt, diesen Titel zu führen, mit dem der Bezug einer Ehrenrente verbunden war. Einige von ihnen müssen uralt geworden sein; noch im Budget von 1874 werden solche Renten angeführt.

Aber in Wahrheit ist alles ganz anders gewesen. In Wahrheit hat es einen Sturm auf die Bastille gar nicht gegeben. Einer ihrer berühmtesten "Erstürmer", ein Offizier namens Elie aus dem Regiment "Königin", gab zu: "Die Bastille wurde nicht mit Gewalt erstürmt; sie hat kapituliert, ehe sie angegriffen wurde." Dieser Elie und der Schweizer Bürger Hulin, der dasselbe aussagte, waren die ersten, die bei dem später so genannten Sturm die Festung betraten. Hulin wurde später General und war 1806, unter Napoleon, Stadtkommandant von Berlin. Auch der Unteroffizier de Flevilles, der zur Bastille-Besatzung gehörte (die übrigens nur aus Invaliden bestand), gab an, "daß die Bastille nie im Sturm genommen worden ist". Und dies bestätigten auch andere befragte Teilnehmer und Augenzeugen.

Die Befragungen erfolgten im Rahmen einer sehr bald nach dem "Sturm" von offizieller Seite veranstalteten Untersuchung. Obwohl deren Ergebnis den eigentlichen Intentionen der Revolutionsregierung, die ja revolutionäres Volksheldentum dokumentiert haben wollte, strikt zuwiderlief, wurde sie noch im selben Jahr veröffentlicht und erschien schon 1789 auch in Deutschland. Die Untersuchung war Teil einer Gesamtveröffentlichung des Bastille-Archivs, die im Auftrag des Ständigen Ausschusses erfolgte. Ziel war – wie die Herausgeber im Vorwort zur ersten Lieferung sagten –, "eine Sammlung von Beweisen und Beispielen eines grausamen Verfahrens, dessen der ministeriale Despotismus sich unaufhörlich schuldig gemacht hat", offenzulegen.

Aber es kam das genaue Gegenteil heraus, nämlich daß die Behandlung der Bastille-Häftlinge durchweg korrekt gewesen war. Die Bastille, ursprünglich eine Festung, dann als Gefängnis benutzt, war eigentlich immer eine Art Luxus-Gefängnis für Leute von Stand gewesen. Als die Herausgeber des Archivs dies nun erkannten, haben sie die Veröffentlichung nicht etwa abgebrochen. Ihnen ging es wirklich allein um die Wahrheit. Und so haben gerade sie die ins Grauenhafte übertriebenen Darstellungen in den Memoiren einiger ehemaliger Häftlinge als Lügen entlarvt.