Von Stefan M. Gergely

Die beiden großen Pablos, Picasso und Casals, begeisterten mit ihrer Kunst noch als Neunzigjährige. Konrad Adenauer und Mao Tse-tung wollten vom Ruhestand mit 65 nichts wissen und regierten bis weit über das achtzigste Lebensjahr hinaus.

„Die Vorstellung vom alten Menschen, der dem Grabe zuwankt, von Krankheit geschwächt und von Leiden ausgehöhlt, unfähig für sich selbst zu sorgen“, sagt Halfdan Mahler, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), „ist falsch“. Deshalb müßten die Regierungen, so Mahler, Situationen verhindern, in denen die Alten von der Arbeit ausgeschlossen werden, die zu leisten sie gewillt und fähig sind. Das mag im Zeitalter der Überproduktion und Arbeitslosigkeit wie ein frommer Wunsch klingen. Doch es gibt sehr gewichtige Gründe für Mahlers Forderung. Und es gibt, immerhin, so etwas wie Problembewußtsein auf globaler Ebene: Vom 26. Juli bis 6. August halten die Vereinten Nationen in Wien ihren ersten Weltkongreß über das Altern ab.

Welche Dimensionen das Thema des jüngsten Wiener Kongresses hat, zeigen die Zahlen der Demographen. Etwa 600 Millionen der knapp viereinhalb Milliarden Menschen sind über 60 Jahre alt. In vielen westlichen Ländern bilden die „Senioren“, wie die Alten im neudeutschen Werbejargon genannt werden, die am schnellsten zunehmende Bevölkerungsgruppe: In der Bundesrepublik etwa sind fast zwanzig Prozent der Gesamtbevölkerung über sechzig. Hochrechnungen für das Jahr 2030 legen sogar nahe, daß dann jeder dritte Bundesbürger jenseits der sechzig ist. Im Zeitraum von 1970 bis 2000 wird die Gesamtbevölkerung Europas voraussichtlich um 17,5 Prozent zunehmen, die Zahl der Menschen im Alter von achtzig Jahren und darüber aber um mehr als sechzig Prozent.

Vor allem die soziale Rolle der Alten steht im Zentrum der Überlegungen, wie die tiefgreifende Umschichtung der Altersstruktur in den Industrieländern bewältigt werden kann. In früheren Kulturen, aber auch heute noch bei vielen sogenannten unterentwickelten Völkern, war Altsein gleichbedeutend mit verehrungswürdig, achtunggebietend, ratgebend. In der modernen Leistungsgesellschaft jedoch sinkt der einst im „Rat der Ältesten“ geschätzte Mensch jenseits der Pensionsgrenze zum unproduktiven- Nichtsnutz ab: Er belastet Pensionsfonds und Krankenversicherungen, blockiert dringend benötigte Wohnungen und trägt wegen seiner meist geringen Kaufkraft nicht einmal wesentlich zum Güterkonsum bei.

Das Altern ist vorprogrammiert

Während die Wertschätzung der Alten sank, etablierte sich die Altersforschung als eigenständige Wissenschaftsdisziplin. In den Vereinigten Staaten setzte schon zwischen den beiden Weltkriegen systematische Altersforschung ein. In der Bundesrepublik wird, wie es in einem Bericht der Stiftung Volkswagenwerk heißt, „der Durchbruch der deutschen Altersforschung erst im Jahre 1967 mit der Neugründung der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie angesetzt“.