Ich wollte in der Wüste dolmetschen. Ich wollte mich verirren in eine Oase, und da kam von der anderen Seite ein Mann, der hätte sich auch verirrt. Der würde natürlich dann mein Mann, und an dem Ruf eines Affen wüßte er dann, wie wir da wieder rauskommen. Das war so meine erste Idee von Beruf. Dolmetschen in der Wüste.“

Ist ihr Berufswunsch nicht in Erfüllung gegangen? War die Schauspielerin Edith Heerdegen, die in der Nacht zum 13. Juli in Dachsberg im Schwarzwald gestorben ist, nicht eine mal elegante, mal kauzige Dolmetscherin in der Wüste allgemeinen Kulturverfalls? Daß Edith Heerdegen, die am 2. Juli 1913 in Dresden geboren wurde, eine der großen Charakter-Darstellerinnen des zeitgenössischen Theaters war, sagt ja weniger, als daß die im Alter immer kleiner, zierlicher, aber auch energischer werdende Dame uns große Rollen klassischer und moderner Autoren – und damit diese Stücke – gedolmetscht, unserem Verstehen nähergebracht hat.

Ihre letzte große Rolle war eine der schwierigsten: die fast stumme „Frau“ in Thomas Bernhards „Weltverbesserer“. Wer Claus Peymanns Bochumer Uraufführungs-Inszenierung gesehen hat, die auch im Fernsehen gezeigt wurde, erinnert sich, wie die fast siebzigjährige Schauspielerin sprechen konnte – mit den Augen, mit leichtem Runzeln der Stirn, mit den Händen, die mal müde neben der Schürze hingen, sich aber plötzlich zur Faust ballen konnten, wenn sich die an der Seite ihres pausenlos redenden Professors von Mann zum Widerstand provoziert fühlte.

In einem anderen Stück von Thomas Bernhard, „Der Präsident“, das sie ebenfalls unter der Regie von Claus Peymann in Stuttgart spielte, war sie es, die Frau, die den großen Rede-Part hatte. Da konnte Edith Heerdegen die ganze Skala ihrer großen Kunst zeigen.

Wer die Schauspielerin nicht auf der Bühne gesehen hat, kennt sie doch von Filmen wie Die Bondys „Ortliebschen Frauen“ oder von Fernsehspielen, etwa der Dokumentation über Rosa Luxemburg oder den Fernseh-Filmen „Traumtänzer“, „Zahlungsaufschub“ oder „Nicht nur zur Weihnachtszeit

Als Peymann und seine Gruppe von Filbinger aus Stuttgart vergrault wurden, ging sie mit nach Bochum. Auch das ist typisch für diese schmächtige, tapfere Frau: Nach 30 Jahren als Mitglied des Stuttgarter Ensembles verließ sie die Stadt und ein Publikum für immer, das diese Frau liebte wie keine andere, weil sie sich „durch Herrn Filbinger mit dem ganzen Ensemble beleidigt“ und vertrieben fühlte.

Nach Stuttgart war die junge Dresdnerin nach dem Krieg mit ihrem großen Lehrer und Freund Erich Ponto gekommen. Die zarte Person mit der spröden Stimme spielte bald alle großen Rollen und eroberte sich die nicht leicht zu gewinnenden Herzen der Zuschauer in der schwäbischen Metropole. Als junge Schauspielerin hatte sie sich einmal beide Beine brechen lassen, weil sie glaubte, es liege an ihren O-Beinen, daß sie nicht so rasch Erfolg hatte. Etwas von solcher Zähigkeit und Begeisterungsbereitschaft bewies sie, als sie in einem Alter, da andere in den Ruhestand gehen, mit jungen Regisseuren arbeitete. Sie merkte, wie sie in der Zusammenarbeit mit Peymann, Neuenfels, Palitzsch, Bondy oder Zadek jung blieb und ihre Ausdrucks-Kunst um ganz neue Bereiche erweitern konnte.