Von Danja Antonovic

Mit Licht und Linse ausgestattet, beheimatet in der Dunkelkammer und auf den Brettern, die die Welt bedeuten, so hat sie fünfzig Jahre das Geschehen auf deutschen Bühnen in Berlin und Hamburg auf Zelluloid gebannt, hat sie ein wichtiges Stück deutscher Theatergeschichte unauffällig begleitet, miterlebt und festgehalten: Rosemarie Clausen, die deutsche Theaterphotographin, die eine vergangene Zeit mit der Kamera gemalt hat.

"Ich wollte Malerin werden. Aber wir waren vier, und es fehlte an Geld. Malerin war nicht drin. Die Ausbildung war zu teuer. Mein Vater, den ich über alles liebte, brachte mich zur Photographie: Photos sind auch Bilder’, sagte er eines Tages, und das sah ich ein. Ich lernte photographieren in Berlin, und als die Ausbildung Deendet war, wollte ich nicht in einem Provinzatelier gestellte Bilder ablichten, ich wollte mich ausdrücken... Ich begann zu arbeiten bei der Theaterphotographin Elli Marcus, und hier packte mich die Leidenschaft für diese schillernde Welt, die mich nicht mehr losließ. Ich hing ständig entweder im Theater oder in der Dunkelkammer ’rum, photographierte wie besessen, die Großen und die weniger Bekannten."

"Damals war es so, daß die Photographen auf die Schauspieler draußen, im Korridor, zu warten hatten, die Aufführung war heilig, durfte nicht gestört werden. Einmal wartete ich auf Kurt Gerron, den ich am Tag der Generalprobe photographieren wollte. Neben lauter Klappstühlen und anderem Kram versuchte ich ihn zu erwischen. Gerron huschte von der Bühne in seine Garderobe. Ich sah im Flur eine Steckdose, machte die Lampen an, klopfte an die Tür und hörte ihn fluchen. Trotzdem öffnete ich die Tür, und – da saß er. Sofort richtete ich meinen Apparat und klick, klick! Während ich noch herumhantierte, bog er sich vor Lachen ... Ich hatte gar nicht bemerkt, daß ich Gerron auf dem Klo sitzend aufgenommen hatte ..."

Das erzählt sie heute, 75jährig, das ebenmäßige Gesicht von kurzem, weißem Haar umrahmt, und vermittelt die Stimmung dieses Augenblicks, der lange zurück liegt und nur ein Körnchen in der Schatztruhe ihrer Erinnerungen ist.

Rosemarie Clausen stammt aus einem angesehenem Berliner Theologenhaus. Gleich nach der Lehrzeit lichtete sie die Größen der Berliner Theaterszene im Garderobenlicht ab, bevor sie von Gründgens zuerst als "lange Dürre mit dem Herrenschnitt" gerufen und später zur Dokumentaristin seines Schaffens wurde.

Seit 1945 ist sie nicht mehr vom Hamburger Bühnenhimmel wegzudenken, in dem sie bis zum 1. Juni 1976 mit ihrer unverwechselbaren Handschrift jede Vorstellung des Schauspielhauses mit der Kamera verewigt hat, Thalia-Theater und andere Bühnen nicht mitgezählt.

Über das Theater sagt sie: "Ins Theater zu gehen, bedeutete für mich immer, einen Schritt über die Grenze zu wagen, einen Schritt in ein wundersames, fremdes Land, ein Märchenland, hinter dem Regenbogen. Auch wenn ich mit dem Stück vertraut war und es in meinem Kopf gestaltet hatte, war ich immer wieder neugierig zu erfahren, wie es die anderen gelöst haben. Die Menschen waren es, die mich anregten. Als ich später von Berlin nach Hamburg zog und wieder beim Theater landete, begegneten mir nicht dieselben Menschen, und doch waren es Menschen gleicher Art; eben, die Menschen aus diesem verzauberten Land ..."

Das Leben aber bestand nicht immer aus Zauber. Aus Berlin floh sie mit ihren drei Kindern nach Westen, "die Küste entlang", bis sie Hamburg erreichte. Ihr Mann war als Flieger abgestürzt, im Krieg. Geheiratet hat sie nicht mehr, denn, wie sie sagt, das war eine dieser seltenen Begegnungen zweier Menschen, die sich finden und wissen, daß sie nichts mehr trennen kann. Bis der Tod sie scheidet.

Oft sagt sie, wie wichtig es für sie war, daß sie ihre Kinder selbst ernähren konnte. In einer leeren Soldatenbaracke brachte sie ihre Kinder zuerst unter. Später bekamen sie vom Wohnungsamt eine Kleinstwohnung zugeteilt. Schmunzelnd erwähnt sie die "Allzweckeimer" aus dieser Zeit: "Dieser Eimer war unser bestes Stück; er diente zum Kochen, zum Windelwaschen und zu allem anderen ..." In der Wohnung, in der sie heute wohnt, lebten damals Brasilianer: "Auf dem Flur verkauften sie Kaffee. Sie fuhren zurück, als sie genügend Geld beisammen hatten, und so bekamen wir die Wohnung." Langsam ging es wieder aufwärts.

In dieser Wohnung hat sie ihr Zuhause gefunden. Bücher, Bilder, Zeichnungen ihrer Kinder und Enkelkinder, Asiatika und Antiquitäten, Notizen und Widmungen und überall Photos und Gegenstände, die alle in sich Geschichten bergen. So über Käthe Dorsch, die, mit einem Schrei im Gesicht, bei einer Photositzung "neun Sekunden nicht gewackelt hat". So viel Zeit brauchte die Clausensche Lieblingskamera, "die Ambrosius", die vom Großonkel geerbt war.

Unermüdlich hat sie fünfzig Jahre photographiert. Mindestens drei prominente Mimen-Generationen des deutschen Theaters hat sie porträtiert. Wichtige Abschnitte der Hamburger Theaterentwicklung nach dem Kriege hat sie festgehalten. Für ihre künstlerische Dokumentationsarbeit erhielt sie in Hamburg die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille. Viele andere Preise sprechen von ihrem Ruf. Gerade jetzt hat der Suhrkamp-Verlag einen Bildband herausgebracht: "Gründgens Faust mit Fotos von Rosemarie Clausen". Viele Bildbände, Kalender, Photoreportagen hat sie beleuchtet, geknipst, entwickelt. Und zu allem hat sie eine Story parat: "Da bin ich für diese Zeitschrift sämtliche Fürstenhäuser abgeklappert, schöne Prinzessinnen sollte ich finden, hab’ sie dann teilweise auch gefunden, und wenn nicht, dann habe ich etwas nachgeholfen."

"Mein Leben lang habe ich frei gearbeitet. Professor Reck, der am Thalia-Theater war, wollte mich vom Schauspielhaus abwerben und fragte mich, ob ich denn keinen Vertrag möchte. Nein, sagte ich, dann mache ich schlechte Bilder. Ich mußte die Anspannung haben, das Gefühl, daß ich es immer wieder schaffen muß, daß jedes Photo wichtig ist. Dann arbeitete ich doch fürs Thalia, aber frei. Es macht ja Spaß, sich ständig beweisen zu müssen ..."

Marcel Marceau photographierte sie im Schrank. "Die Wände paßten mir nicht. Dann lieber der Schrank. Das war eine so unmögliche Hotelzimmerwand, also setzte ich ihn auf einen Stuhl, und der Stuhl saß schon im Schrank. Ich mußte das machen, um den weißen Hintergrund zu umgehen. Alles kannst du ja wegkopieren, nur den weißen Grund nicht...."

Am 1. Juni 1976 nahm sie den Abschied; von der Linse und von der Bühne. Beim Aufbau der Lampen war sie in ihnen hängengeblieben und verletzte sich schwer. Nicht nur der Arm war doppelt gebrochen; lange lag sie im Krankenhaus. Gerne hätte sie weitergemacht, aber danach ging es nicht mehr. "Eigentlich spürte ich dann auch, daß ich jetzt zu alt für diese neuen Zeiten geworden bin", sagt sie heute. Und: "Es ist ein reiches Leben..."

Über 300 000 Negative birgt ihr Archiv, Proben- und Szenenphotos aus mehreren Jahrzehnten, Schauspielerporträts, eigenwillig ausgeleuchtete Menschen, Charaktere, in denen Rollendarsteller versteckt sind.

Anfang des Jahres hat die Universität Hamburg ihr Archiv für die Theatersammlung der Stadt erworben. Rosemarie Clausen entschied sich für Hamburg, obwohl das Angebot des Deutschen Theatermuseums in München besser war.

"Das Archiv habe ich dann doch in Hamburg gelassen, obwohl die Münchner ihre Sammlung achtsam behandeln und über wunderbare Räume verfügen; Die hat Hamburg nicht. Aber in Hamburg leben meine drei Kinder, meine Enkelkinder. Damals habe ich mit diesen Photos unser täglich Brot verdient, viel haben meine Kinder von mir nicht gehabt. Ich denke mir, wenn mein Archiv hier untergebracht ist, hier, wo meine Kinder leben, dann ist das ein Geschenk an sie, etwas, was ihre Mutter für sie hinterlassen hat ..."

Sie spricht viel von ihren Kindern ("Es ist schön, wenn man mit seinen Kindern im Einklang ist"), und zeigt gerne "alte Dinge", an denen sie hängt ("Hab’ immer ’nen Fünfer als Anzahlung hingelegt und nach jedem Photo was dazu gegeben, bis ich es nach Hause tragen konnte"). Zu ihrem 75. Geburtstag kamen über siebzig Menschen. "Sie überraschten mich, da merkst du, was wahre Freunde sind ..."