Karl der Große betrachtete ihn als ebenbürtig, eine Reihe von Unterkönigen zollte ihm Tribut: König Offa, der von 757 bis 796 regierte, war der erste bedeutende Herrscher auf Großbritanniens langem Weg zu einer staatlichen Einheit. Sein Reich Mercia begann an den Gestaden des Humber River und endete an den Küsten von Dover, bedroht war es vornehmlich von feindlich gesonnenen Kelten. Zum Schutz vor diesen Nachbarn ließ Offa einen Wall bauen, dessen Verlauf heute streckenweise etwa der Grenze zwischen England und Wales entspricht.

König Offa hinterließ somit nicht nur ruhmreiche Spuren in der Geschichte des Vereinigten Königreiches, sondern auch einen nach ihm benannten Wanderweg, „Offa’s Dyke“, der weitgehend mit dem historischen Wall identisch ist und über 270 Kilometer von der Mündung des Dee im Norden bis zum Unterlauf des Wye im Süden verläuft. Hat man nur wenige Tage Zeit, ist ein guter Ausschnitt des Weges bei Clun zu beginnen, einem verträumten Flecken, wo die Souvenirs in den Geschäften verstauben und sich eine bessere Vergangenheit vorgaukeln.

Die Jugendherberge von Clun, in den Ställen eines alten Bauernhauses angesiedelt, bewohnte ich alleine in dieser Nacht. Aber ich sollte nicht einsam bleiben: Zur Geisterstunde sah ich mich in die spukende Kapelle der Artussage versetzt, die in Shropshire gestanden haben soll. Das Gespenst, das mir entgegentrat, trug eine blaue Hose, eine Hupe und ein riesiges Schild. Es wandert auf Offa’s Dyke als „sponsored walker“, der für jede gewanderte Meile von einer Gruppe Geld erhält, das er einem Waisenhaus zukommen läßt. Das Gespenst lehrte mich eine Wahrheit: Wer einmal auf Offas Grenzwall geht, ist ihm verfallen und muß immer wieder dorthin zurück.

Wer eine weithin sichtbare Mauer erwartet, wie am Hadrian’s Wall im Norden, wird enttäuscht. Die Mitarbeit der Phantasie ist erforderlich, um aus den Resten und Ablagerungen einer verborgenen Grenze eine sichtbare zu machen. Sei es, daß Offas Leute nicht mit dem genügenden Enthusiasmus gebaut haben, sei es, daß walisische Stämme sie immerfort störten – der Deich existiert nur noch auf kurzen Strecken. Es kommt hinzu, daß sich im Laufe der Jahrhunderte Erosion und Kaninchen als mindestens ebenbürtige Feinde bewährt haben. Wer die Kunst des Verirrens auf diesem Weg üben will, kommt nicht zu kurz.

Nach vielen Stunden in menschenleerer Gegend, an beschatteten Bächen und auf Schafweiden fand ich nach Huntingdon und genoß, vor der nächsten Verirrung, noch einmal die Freuden eines englischen Landgasthauses. Der Wirt setzte mich wieder auf den vermeintlich rechten Weg. In der Ferne schimmerten mir finsterblau die Black Mountains entgegen, mit ihnen die geheimnisvollen Tiefen von Wales, dem Land der Kohlehalden und des Mabinogion, jener mythenreichen-, mittelalterlichen Sammlung walisischer Erzählungen.

Der hierzulande noch immer unbekannte, David Jones, mit dessen Werk die walisische Mythologie in die Moderne getragen wurde, sagte einmal, jeder, der unter den Einfluß der Berge von Wales komme, werde von ihnen verändert. Auf dem Wanderweg ist nie ganz sicher auszumachen, ob man nun in Wales oder in England ist. Unter Offa war diese Unsicherheit oft tödlich: Waffentragende auf der keltischen Seite des Walles wurden sofort getötet.

Knighton, Presteigne, Hay-on-Wye hießen die Stationen meiner kleinen Wanderung. In Knighton erzählte mir die Besitzerin eines Cafés, in das, ich eingekehrt war, von ihrem Mann, dem Autor des einzigen Buches über Offa’s Dyke Path. Hier, in diesem Städtchen, wurde der Pfad vor einigen Jahren eingeweiht. In Hay-on-Wye stieß ich nach sonnenreichen, einsamen Tagen wieder auf die Vorboten der Papierkultur – in Hay steht das größte Buchantiquariat der Welt.