Im Wanderland Österreich bemüht man sich seit Jahren um mehr Sicherheit im Gebirge. Doch die Zahl der Alpinunfälle steigt; die Experten sind ratlos.

Der Mensch in seinem Wanderdrange ist sich des rechten Weges nicht bewußt. Er kennt keine Scheu vor Gletscherfeldern, untrainiert wagt er sich auf schroffe Grate. In Österreich, wo winters und sommers Zigtausende von Touristen zu lichten Höhen emporstreben, häufen sich die Lawinenunglücke, die Stürze im Fels und auf Geröllhängen. Schon seit dem Jahr 1966 versammelt das Österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen, Bergführer und Lawinenkundler einmal jährlich im Hochgebirgsort Kaprun. Dort werden die Sünden der Hobby-Alpinisten analysiert und Sicherheitsstrategien entworfen.

Doch die Erforschung der Bergunfälle wird immer schwieriger. Früher dominierten Sandalen-Kletterer auf den Absturz- und Blessurenlisten. Heutzutage wandern zwar die meisten in festen Schuhen, die Zahl der Verletzten und Toten indessen wird nicht geringer.

Das 10. Jahrbuch „Sicherheit im Bergland“, in dem die Kapruner Gespräche des Jahres 1981 nachzulesen sind, macht die akademischen Unsicherheiten offenkundig. Die Broschüre, ein Kompendium längst geschwungener Reden, bietet seinen Adressaten – Bergführern, Rettungsmännern, Lehrern, Journalisten – langatmige Variationen über Wohlbekanntes: daß meist die Leute selber schuld an ihren Unfällen sind. Die Besitzer tauglicher Schuhe hätten „den Anschluß an das Mindestmaß ihrer Gehkenntnisse nicht gefunden“, meint ein Alpinforscher. Andere vermuten, die schlechte körperliche Verfassung der Freizeit-Alpinisten oder gar deren gestörtes Verhältnis zur Gefahr seien die wesentlichen Unfallursachen.

Die Ratlosigkeit über die ausbleibende Wirkung ungezählter Predigten wider waghalsige Gipfelstürmer verleitet die Fachleute mitunter zu seltsamen Exkursen. Einen General aus Wien zum Beispiel inspiriert das Tagungsthema „Alpine Sicherheit und Risiko“ zu einer Lobrede auf „Heer und Lawine“. Ein Verkehrspsychologe kommt in seinem Vergleich „Risikoverhalten in den Bergen und im Straßenverkehr“ vom Asphalt, seinem Spezialgebiet, nicht los. Die „wahrscheinlichkeits- und erkenntnistheoretischen Überlegungen zur Zulässigkeit ausgewählter Methoden der Lawinenvorhersage“ mögen der Wissenschaft nützen, dem Raupenführer auf der Piste und dem ehrenamtlichen Bergwächter helfen sie über die Schwierigkeiten der Wetterprognose nicht hinweg.

Im Wust der Schulweisheiten und Kuriosa kommen die wenigen Beiträge zu kurz, aus denen für die Praxis zu lernen wäre: Die Anleitung einer Skilehrerin etwa, wie man Kinder sicher durch Nebel und Tiefschnee lotst – und weg von den Rennfahrer-Ambitionen ihrer Eltern.

Vorschlag an die kopflastige Kapruner Experten-Runde: Sie möge doch künftig mehr als nur zwei Bergsteiger mit Unfallerfahrung zu ihrem Gespräch einladen. Vielleicht können deren traumatische Erlebnisse manch unverbesserlich leichtsinnigen Bergfan retten: indem man ihn das Fürchten lehrt.

Isolde von Mersi