Seit Freud sie ins Rollen brachte, schwillt die Lawine unaufhörlich an: die Lawine der Untersuchungen über frühkindliche Erfahrungen und ihre Langzeiteffekte. Wer glaubt, die Themenbereiche seien allmählich erschöpft, der irrt.

„Tierliebe“ ist zum Beispiel einer der weißen Flecken auf der Landkarte der Entwicklungspsychologie. Genauer gesagt: Sie war es bis zum unlängst erschienenen, neunundvierzigsten Band der angesehenen Fachzeitschrift Psychological Reports. In ihm veröffentlichte ein gewisser James Serpell, Dozent am psychologischen Institut der berühmten englischen Universität Cambridge, was er anhand einer repräsentativen Stichprobe von 120 Achtzehn- bis Vierundachtzigjährigen über die Einstellungen von Erwachsenen gegenüber Haustieren herausfand. Seine Ausgangsfrage: Wie wirkt sich ein frühkindlicher Umgang mit Haustieren auf die Bereitschaft aus, sich als Erwachsener einen Hund oder eine Katze zu halten?

Eine sorgfältige statistische Auswertung seiner Interviewdaten ergab, wovon jeder Psychologe träumt, der empirisch arbeitet: eine signifikante Korrelation. So erfährt denn der interessierte Leser auf die zweite Stelle hinter dem Komma genau, daß Erwachsene mit überzufälliger Wahrscheinlichkeit Haustiere mögen, wenn sie schon früher welche gemocht haben. Außerdem findet Serpell unter den erwachsenen Besitzern von Hunden oder Katzen überdurchschnittlich viele, die bereits als Kinder Hunde oder Katzen besessen haben. Und wer sich kein Haustier hält, neigt eher dazu, sich bald eines anzuschaffen, wenn ihm irgendwann schon einmal eines gehört hat. Ja, es stellt sich gar heraus, daß Erwachsene sich häufig mit Haustieren derselben Spezies umgeben, zu denen sie bereits als Kinder Kontakt hatten. Wer hätte das gedacht.

Natürlich sind die Befunde der Serpell-Studie noch lückenhaft. „Wir benötigen“, so schränkt Serpell ein, „sehr viel detailliertere Daten über die Qualität und die Dauer der frühkindlichen Haustierkontakte sowie über eine etwaige tierlose Periode zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, bevor wir irgendwelche weiterreichenden Schlüsse ziehen können.“ Das provoziert Nachfolge-Untersuchungen, und nicht nur zu diesem Thema. Wir erfahren von Serpell nämlich nichts über Personen, die als Kind einen Goldhamster und zwei Jahrzehnte darauf eine Dogge besitzen. Wir erfahren auch nichts über jene, die sich eine Katze anschaffen, bloß um sich daran zu ergötzen, wie die Dogge Jagd auf sie macht (wobei dann sorgfältig zu differenzieren wäre zwischen jungen und alten, kurz- und langhaarigen Haus-, Siam-, Angora- und Perserkatzen, unter Berücksichtigung von Geschlecht, Sozialstatus, Alter, Stellung in der Geschwisterreihe, Wohngegend und Familienstand des Tierhalters). Wir erfahren ebensowenig darüber ob ein hoher Punktwert in den Skalen für Extraversion und Neurotizismus, ein IQ über 130 und ein besonders stark ausgeprägter Ödipuskomplex die Bereitschaft erhöht oder vermindert, sich eine Boa constrictor an die Wohnzimmerpalme zu hängen. Wir erfahren nicht einmal, warum sich manche Menschen nur als Kinder und danach nie mehr, andere im Erwachsenenalter erstmals mit Haustieren umgeben.

Warum stellte er seine Frage? Wir wissen es nicht. Vielleicht wegen des mit der Hochschullaufbahn unweigerlich verbundenen Zwangs zu publizieren? Oder aus Ehrgeiz, eine Arbeit, die den eigenen Namen trägt, in einem Fachjournal unterzubringen? Oder aus echtem Interesse? Sollten wir Serpell selbst fragen? Gleichgültig, wie aufrichtig seine Auskunft ausfiele – sie täte nichts zur Sache. Naive Fragen wie diese sind unwissenschaftlich. Sie verkennen das Wesen des Forschungsprozesses – den zweckfreien Beitrag zur Mehrung der menschlichen Erkenntnis, egal worüber. Harald Wiesendanger