Kenneth Dam: Der zweite Mann kennt die Welt aus Bücher-, Börsen- und Banken-Perspektiven

Von Michael Naumann

Washington, im August

Der "Paradigmenwechsel" in Amerikas Außenpolitik hat einen überraschenden Titel gefunden: Chicago in Washington: in der traditionellen Einfluß-Schlacht der Elite-Universitäten haben Yale, Harvard und andere Renommier-Anstalten der Ostküste eine Bataille verloren – das Dreigestirn an der Spitze des State Departments leuchtet zum Ruhme der University of Chicago, allen voran George Shultz.

In prekärer, weil nächtlich nicht ganz gefahrloser Lage verkörpert die University of Chicago – Zementgotik, Back- und Sandsteinkollegs, Efeu, 8000 Studenten und 1000 Lehrende – das Geisteszentrum des amerikanischen Mittelwestens. Mehr noch, der konservativ zugespitzte Esprit ihrer prominenten Gelehrten Milton Friedman (Ökonomie), Edward Shils (Soziologie) und Mircea Eliade (Religionswissenschaften) hat der Hochschule akademischen Weltrang verliehen. Mancher ihrer Forscher findet sich, leicht verfremdet, in Saul Bellows Romanwelt wieder ("Herzog", "Mr. Samler’s Planet") – Abbild des ortsspezifischen Nebeneinanders von Gehirn und Geld, von Pork (Schweinefleisch) and Plato.

Dies ist eine Elite-Universität, die statt Starathleten Nobelpreisträger produziert – bisher vier Dutzend. Ihr jüngster Gewinn: der polnische Philosoph Leszek Kolakowski. Ihr jüngster Verlust: Kenneth William Dam, seit zwei Jahren Rektor der feinen Bildungsanstalt. Der 49jährige Jurist dänischer Abstammung seiner Bestätigung durch den US-Senat steht wohl nichts im Wege – übernimmt Position und Aufgaben des demissionierten Walter Stoessel, des stellvertretenden Außenministers unter Alexander Haig.

Jurist und Ökonom