Frankreich bietet der deutschen Industrie billigen Strom an

Von Heinz Günter Kemmer

Rudolf Escherich, der Vorstandsvorsitzende des Bundesunternehmens Vereinigte Aluminium-Werke (VAW), kann sich über die Strompreise derzeit nicht beklagen. Nach seinen Erkenntnissen zahlen die Konkurrenten der VAW in der westlichen Welt für die Kilowattstunde Strom zwischen 3,8 und 4 Pfennig, die deutsche Industrie liege, so der VAW-Chef, im Mittelfeld.

Dennoch plagen ihn die Sorgen. Denn dieses Bild kann sich schnell ändern, wenn die Ende der sechziger Jahre mit den Elektrizitätsversorgern ausgehandelten Verträge auslaufen. Und das ist für die meisten Vereinbarungen noch in diesem Jahrzehnt der Fall – das erste Unternehmen der Branche bekommt schon im September die Rechnung präsentiert.

Dabei ließ sich gerade der Strompreis zunächst gut an. Die Ende der sechziger Jahre aufkeimende Kernkraft-Euphorie traf sich mit dem Wunsch einiger Landesregierungen, die Ansiedlung neuer Industriebetriebe zu fördern. Schnell wurden sich Aluminium-Konzerne und Stromversorger handelseinig. Preise bis herunter zu zwei Pfennigen je Kilowattstunde wurden auf die Dauer von zwanzig Jahren festgeschrieben.

Für die Kraftwerksbetreiber schien das zunächst kein schlechtes Geschäft zu sein. Denn die Aluminiumindustrie ist für sie ein idealer Kunde. Sie nimmt Tag und Nacht eine gleichbleibend hohe Menge Strom ab und versetzt die Elektrizitätswirtschaft damit in die Lage, ihre Kraftwerksblöcke rund um die Uhr voll auszulasten. Billiger als bei diesen Abnahmekriterien kann man Strom nicht erzeugen.

Aber die Freude über die neu gewonnenen Kunden, die einen großzügigen Ausbau der Kraftwerkskapazität ermöglichten, hielt nicht lange an. Denn die Erwartungen über die Kosten des Atomstroms erwiesen sich vielfach als falsch. So bekennt ein Vorstandsmitglied aus der Stromwirtschaft heute: „Es ist damals überhaupt nicht kalkuliert worden. Die Devise war: Was das RWE mit seinem Braunkohlenstrom kann, können wir mit dem Atomstrom auch.“