Von Gottfried Niedhart

Großbritannien ist wieder groß – so war es aus dem Mund der britischen Regierungschefin nach Beendigung der Kämpfe um die Falklandinseln zu hören. Aus der Sicht derjenigen Briten in Regierung und Öffentlichkeit, die noch einmal britische Seeherrschaft demonstriert sehen wollten und dafür hohe Verluste in Kauf nahmen, obwohl diese nach Meinung vieler Beobachter in keinem Verhältnis zum Gegenstand des Konflikts standen, bei weniger Schießwütigkeit und größerer politischer Flexibilität auch hätten vermieden werden können, ist Großbritannien vor allem deswegen wieder groß, weil diesmal das Gespenst Appeasement nicht umging. Man glaubte, den Schatten von "München", wo 1938 die schändliche Kapitulation vor Hitler-Deutschland erfolgt sei, meiden zu müssen, wenn auch schon der Suez-Krieg 1956 gezeigt hatte, wie schief die damals von Eden hergestellte Analogie war.

Sich nicht dem Verdacht aussetzen zu müssen, ein Appeaser zu sein, bedeutet für viele Außenpolitiker seit dem Zweiten Weltkrieg schon genügend Begründung für ihren außenpolitischen Kurs. Das läßt sich an vielen weltpolitischen Konflikten demonstrieren – bis hin zur Kritik an der Entspannungspolitik der siebziger Jahre, die die sowjetische Seite falsch eingeschätzt und das Mittel der Waffengewalt als probatestes Mittel der Konflikteindämmung zu sehr in den Hintergrund gedrängt habe.

Freilich ist diese simple Sicht der Dinge weder eine adäquate Beschreibung der Entspannungsphase im Ost-West-Konflikt – noch der Appeasement-Politik der Zwischenkriegszeit. In beiden außenpolitischen Strategien stand und steht der Wille zur Konfliktaustragung auch ohne Krieg zwar an erster Stelle. Rüstung und defensive Kriegsbereitschaft aber behalten ihren Stellenwert. Weder Appeasement noch Entspannung haben irgendetwas mit Pazifismus zu tun.

Für die britische Deutschlandpolitik der dreißiger Jahre hat dies jetzt wieder gezeigt:

Oswald Hauser: "England und das Dritte Reich. Bd. 2: 1936 bis 1938"; Muster-Schmidt Verlag, Göttingen/Zürich 1982, 415 S., 120,– DM.

Hausers reich dokumentiertes Buch, das streckenweise einer mit verbindenden Texten versehenen Quellensammlung ähnelt, widerlegt ein Klischee, das zwar keineswegs in der einschlägigen Forschung, in der allgemeinen Öffentlichkeit aber um so häufiger anzutreffen ist: das Klischee vom vertrauensseligen England, das die vom nationalsozialistischen Deutschland ausgehende Gefahr nicht erkannt habe und den Vorbereitungen der deutschen Aggression freien Raum ließ.