ARD, Montag, 9. August, 20.15 Uhr: "Roots – Die nächste Generation Beginn einer vierzehnteiligen Fernsehserie.

Die Serie "Roots" ("Wurzeln") war einer der größten Fernseherfolge in der Geschichte dieses Mediums. Über 135 Millionen Menschen sahen den Film allein in den USA, weitere Millionen überall auf der Welt; in Deutschland lag die Einschaltquote bei der Erstausstrahlung im Frühjahr 1978 um 50 Prozent. Was war das Geheimnis dieses Riesenerfolgs, das den damals fast unbekannten Autor Alexander Haley über Nacht zu einem Medienstar machte? "Roots", das Buch an dem Haley über zehn Jahre arbeitete und das erst, wie in Amerika üblich, nach der Fernsehverfilmung zu einem riesigen Verkaufserfolg wurde, steht für die Suche einer neuen Generation farbiger Amerikaner nach ihrer Herkunft, nach ihrer von einer glorifizierend-patriotischen Geschichtsschreibung schamvoll verdrängten Vergangenheit.

So war die Suche nach seinen Vorfahren, deren Geburt und Heirat und Tod nicht in den Kirchenbüchern, sondern in den Listen des Stallviehs verzeichnet wurde, ein Stück Erinnerungsarbeit, ein Stück Weltgeschichte, geschrieben aus der Perspektive eines ihrer Opfer.

Der Bericht, der dabei entstand, ist der Bericht einer Emanzipation, auch eines gesellschaftlichen Aufstiegs – fast eine dieser typisch amerikanischen "success-stories" – und zugleich die Geschichte einer Entfremdung. Das wird vor allem im zweiten Teil der Haleyschen Familienchronik deutlich, in "Roots – Die nächste Generation", der in den kommenden Wochen ausgestrahlt wird.

Die Geschichte beginnt, wo "Roots" aufgehört hat, in den 60er/70er Jahren des vorigen Jahrhunderts und verfolgt das Schicksal der Nachfahren jenes Kunta Kintes, der 1767 nach Amerika verschleppt worden war, bis in unsere Tage.

Im Mittelpunkt der späteren Folgen der Serie steht Simon Haley, der Vater des Autors Alexander. Er, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg Bertha, die Ur-Ur-Enkelin Kunta Kintes, heiratet, hat studiert und schlägt eine Universitätslaufbahn ein. Noch im letzten Kriegsjahr 1918 geht er als Soldat nach Europa. Amerika und die Demokratie auf dem französischen Schlachtfeld zu verteidigen ist für ihn die Pflicht jedes schwarzen Amerikaners und seine Chance, einmal die gleichen Rechte wie seine Kameraden zu bekommen. Aber daß sie, fast fünfzig Jahre nach ihrer Befreiung aus der Sklaverei immer noch Bürger zweiter Klasse, selbst hier, wo der Tod nicht nach der Hautfarbe fragt, diskriminiert und schikaniert werden, läßt ihn an einem natürlichen und friedlichen Ausgleich zwischen Schwarz und Weiß zweifeln. Er beginnt sich zu fragen, ob die Deutschen auf der anderen Seite des Schützengrabens, wirklich die "richtigen" Weißen seien, auf die er schießt.

Mit Krimi- und Westernelementen angereichert ist "Die nächste Generation" natürlich auch, wie schon "Roots", gut gemachte Unterhaltung. Die Handlung selbst ist einer raffinierten Mischung aus "Soap-opera" und Schulfunk erzählt, mit reichlich Herz und Schmerz und Action. Daß sie dabei nicht unter Niveau sinkt, verdankt die Serie sowohl den Darstellern (mit von der Partie sind auch Großstars wie Henry Fonda und Marlon Brando) als auch der ehrlichen, nie polemischen Erzählweise Halevs. Natürlich werden wie schon im Fall "Holocaust" gerade in Deutschland die Stimmen nicht fehlen, die vor einem allzu privaten Umgang mit Geschichte warnen – aber wenn einer aus der Geschichte seine Geschichte nimmt, warum soll er sie nicht erzählen?

Benedikt Erenz