ARD, Donnerstag, 29. Juli: „Scheibenwischer“, Kabarett von und mit Dieter Hildebrandt

Das ist das Faszinierende an diesem Dieter Hildebrandt: Man weiß nie, ob er seine Improvisationen, dieses halsbrecherische von Hölzchen-auf-Stöckchen-Kommen, nun bis ins Detail hinein geprobt hat: ob er die vermeintlich hinein tanen Einfälle mitsamt ihren Weiterungen also am Schreibtisch erdacht und in sauren Proben studiert hat oder ob ihm tatsächlich, so wie er vorgibt, die Pointen zufallen, die guten und die weniger guten, die mittelmäßigen und die grandiosen, von leiser Bösartigkeit geprägten Bonmots, wie sie, in dieser sanfter Schärfe und der Beiläufigkeit, die in glücklichen Augenblicken etwas Zermalmendes hat, weil sie aus der Verteidigung heraus den Attackierten ein für allemal lächerlich macht... Bonmots, wie sie nur Dieter Hildebrandt einfallen.

Wahrscheinlich ist beides richtig: Der Mann spielt einen, dem etwas einfällt, und während er so tut, als sei da weder ein vorgegebener Text noch eine Probe, kommt ihm tatsächlich eine nicht einstudierte und in ihrer Wirkung im vorhinein keineswegs berechnete Idee, und dann läßt er sich treiben und hinreißen, kalauert gelegentlich und bleibt hinter dem eigenen Anspruch zurück, aber auf der anderen Seite erfindet er in solchen Momenten, wenn ihn der Spaß überkommt und er ohne Netz zu arbeiten anfängt, und blitzenden, in Parenthese gesprochenen Aperçus, bei deren Darbietung der Zuschauer merkt, daß Hildebrandt, der Schauspieler, dem Texter Hildebrandt der liebsten zuklatschen möchte: Das war nun aber wirklich exzellent; darauf wärst du vorher niemals gekommen.

Und dieser Dieter Hildebrandt hatte am vergangenen Donnerstag Gelegenheit, in einer von bitterbösem Witz geprägten Sendung über die Diskrepanz zwischen Schul-Debakel und unbekümmert fortgeschriebenen Leistungs-Ideologie (jedem 12jährigen seinen Elfstundentag) nicht nur sich selbst, sondern seinen Mitspielern zu applaudieren: Als Susanne Tremper das Lied von den verlorenen Kindern sang („Der Vater Staat hat wieder mal / gekungelt mit dem Kapital“); als das Wiegenlied von den Pershings, die Moritat vom Versaften und Verbrennen, erklang („Du bist bereits verloren: Hätt’ ich dich nie geboren!“), da erstarb das Lachen im Saal, betretene Stille trat ein, und Hildebrandt hatte alle Register zu ziehen, um die Brücke vom Kindertotenlied des Jahres 1982, einem der unerbittlichsten Texte, die ich in den letzten Jahren im Kabarett gehört habe, zu den Parodien, Soli und gehört zu schlagen, die, mit Kohl- und Stoiber-Witzen, den Alltag zurückbrachten: Die Erde hat euch wieder, Zuschauer, fragt sich nur, wie lange ihr die Erde noch fragt

Scheibenwischer, eine Live-Sendung vom SFB: Da wird, dank glänzender Texter, außerordentlicher Akteure und eines Kabarettisten, der in seinen Soli einen atemberaubenden Kampf zwischen einem Schreiber und einem Spieler inszeniert (wobei jeder der bessere sein möchte und auf diese Weise den anderen mitreißt)... da wird die Spanne zwischen 1945 und 1982 auf einmal ganz klein. Der gleiche Ton, anklagend, bitter und leise, damals wie heute. Nur daß die Apokalypsen der Hildebrandt, Hachfeld und Co besser formuliert sind als die Moritaten aus den Tagen der alten Schaubude.

Aber Apokalypsen bleiben es doch.

Momos