Hörenswert

Eric Satie: "Frühe Klavierstücke". Ob tatsächlich er es war, der Claude Debussy darin bestärkte, endlich sich von Wagner freizumachen, mag dahinstehen. Daß er seine Landsleute schockierte, als er seine äußerst reduzierten und keineswegs mehr emphatischen Klavierstücke als die eigenständige Musik Frankreichs ausgab, ist schon verständlicher. Daß wir uns heute noch schwertun mit den skurrilen und nur scheinbar programmatischen, in Wirklichkeit nur ablenkenden Charakterbezeichnungen seiner Aphorismen, mit den mystischen Geheimbund-Bekenntnissen und rätselhaften Kommentaren, liegt an der Irrationalität aller, besonders aber dieser Musik: "Ausgetrocknete Embryos" lassen sich ebensowenig musikalisch fassen, wie eine "Gymnopedie" eine Form oder einen Inhalt besitzt. Leichter fällt der Zugang gewiß, wenn die Kunstproduktionen seiner ihm denkverwandten Umgebung zu Hilfe kommen: Cocteau und Picasso, Diaghilew und die Gruppe der Six. Nachdem wir aber John Cage gehört haben, ist vielleicht ein bißchen besser zu begreifen, was die Spannung zwischen Bewegung und Ruhe, Stille und Ausdruck, Gleichförmigkeit und Veränderung bedeuten kann. Der holländische Pianist Reinbert de Leeuw, Komponist auch und Dirigent, hat sich offenbar über diese Sensibilisierung durch Cage an den französischen Exzentriker herangetastet, und so ist sein Klavierspiel von unerhörter Feinheit der Nuancen, von einer geradezu mechanisierten Kühle und Distanz auch, von einer vor allem auch in den Pausen atmenden Ruhe und Gelassenheit, von einer schalkhaften Untertreibung schließlich, die einen gewissermaßen erst nach Schrecksekunden oder Überdenkens-Phasen schmunzeln läßt. Klaviermusik jenseits aller vordergründigen Brillanz und Virtuosität, die aber gerade das Spielerische wieder heraushören läßt. (Philips 9500 870/880)

Heinz Josef Herbort

Schmetterlinge: "Die letzte Welt". Wenn man das familiär-gemütliche Gruppenphoto im Textheft betrachtet, zählt man acht ausgewachsene und fünf junge Schmetterlinge. Fünf von ihnen werden als die – singenden und spielenden – Musiker genannt, einer ist der Dramaturg, einer (Heinz R. Unger) der Verfasser dieser oft bewegenden kritischen Poesie über die Moral der Selbstgerechten und das Alternativ-Getue, über den Weltuntergang und die Macht, die das Fürchten lehrt, über Spekulanten, Unternehmer, Rüstungsindustrie-Arbeiter; den Schluß macht ein trotziger Aufruf zum Widerstand. Es hat den Anschein, als habe die Qualität der Texte die Musiker beflügelt und den Kompositionen ihren Esprit gegeben; so verschieden die Themen, so anders die Musik. Man findet viele Genres wieder, Rock und Gospel, (Eisler-)Song und (Kessler-) Schlager, Madrigal und treffsicheres literarisches Kabarett. Es äußert sich im Marsch- und Walzer-, Tango- und Fünfvierteltakt, vor allem in auffallend differenzierten musikalischen Sätzen, denen, bei aller Erfindungskraft und Genauigkeit, alles Überperfekte abgeht. So spürt man durch nahezu alle Stücke hindurch den moralischen Impetus: die Schmetterlinge geben musikalisch zu denken – kein unangenehmes Ereignis. (Eigelstein, Hansaring 80, 5000 Köln 1; 2 LP, Nr. ES 20 18)

Manfred Sack