Nach der letzten Diskontsenkung in den USA bilden sich die Zinsen weltweit zurück. In der Bundesrepublik allerdings sehr langsam. Die Banken nutzen das sich bessernde Anlageklima zum Abbau ihrer eigenen Rentenbestände, so daß die Nachfrage die kursbildende Börse nur zum Teil erreicht.

Es bestehen aber auch Zweifel an der Nachhaltigkeit der gegenwärtigen Zinsbewegung. Bis zum Jahresende muß sich die Regierung in Washington noch rund 100 Milliarden Dollar vom Kapitalmarkt zum Ausgleich ihres Haushaltsdefizits pumpen. Noch ist nicht zu sehen, wie der Markt diese Nachfrage verkraften wird.

In den USA wird sich entscheiden, ob Zinssenkungen bei hoher Inanspruchnahme des Kapitalmarktes durch die öffentlichen Hände überhaupt möglich sind. In der Bundesrepublik stehen wir vor ähnlichen Problemen. Die Staatsverschuldung wächst außerplanmäßig. Das wird auch im kommenden Jahr so sein, zumal die Bundesregierung von Steuer- und Ausgabenschätzungen ausgeht, die heute schon überholt sind.

Wie vorsichtig unter diesen Umständen deutsche Bankiers die Zinssituation beurteilen, geht aus der Prognose des Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank, Walter Seipp, hervor, der meint, daß sich der deutsche Kapitalzins bis zum Sommer 1983 in einem Schwankungsband bewegen wird, dessen „Achse eher unter als über neun Prozent liegt“. Solche Prognosen spornen gewiß nicht zur Eile beim Erwerb festverzinslicher Papiere an.

Auf dem Aktienmarkt haben die Zinsaussichten vorerst nur wenig Eindrücke hinterlassen. Immerhin scheinen einige Fonds-Gesellschaften ihre bisher geübte Zurückhaltung langsam aufgeben zu wollen. Angesichts der wieder düsterer gewordenen Konjunkturaussichten kostet das beträchtliche Überwindung. Die Auswahl ist beim Kauf entsprechend scharf. Für eine allgemeine Aufwärtsbewegung am deutschen Aktienmarkt fehlen ohnehin die dafür erforderlichen Mittel.

Denn noch immer ist der bei den Renten erzielbare Zins von neun Prozent die schärfste Konkurrenz zur Aktie. Ob sich ähnliches in den nächsten zehn Jahren am Aktienmarkt erreichen läßt, wird von vielen Anlegern bezweifelt. K. W.