Wer von den Museumsstätten der documenta 7 ins Grün der Karlsaue heruntergeht, der sieht einen aus Sandsteinplatten geschichteten Iglu sich über dem Bach wölben. Und während er neben dieser kleinen, kugeligen Hütte auf der Wiese Platz nimmt und die heißen Füße in dem kühlen Bach baumeln läßt, erinnert er sich vielleicht an die aus ähnlich rötlichen Platten gebaute Schneckenform, die, gefüllt mit Reisig und gedeckt mit Glas, oben im Museum Fridericianum ausgelegt ist. Die Halbkugel, unter der man sich wegducken, die Spirale, in die man hineinwandern kann: Beides sind Formen und Räume, die einem, so oder so in Varianten, seit der Kindheit vertraut sind und deren Geheimnis darin besteht, daß sie Sicherheit und Verwirrung zugleich bedeuten. Wohin geht die Spirale, wenn sie aufhört? Wo fängt die Kugel an, wenn sie anfängt? Sind Kugel und Spirale eher ein Schutz oder eine Falle?

Seit 1966 arbeitet Mario Merz, geboren 1925 in Mailand, mit Materialien wie Erde, Stein, Neon, Reisig, und seit 1968 baut er, über Metallgestänge, kleine und große Iglus aus Glas, Platten, Plastikfolie, Kissen. Aber auf einmal sah man im letzten Jahr von dem die Kargheit der "Arte povera" nicht ohne Lust vortragenden Künstler große, mit ruppig-freundlichen Künstler bemalte Nesseltücher, manchmal war ein echtes Horn appliziert, manchmal ein Neonpfeil. Mario Merz, der in den fünfziger Jahren als informeller Maler begonnen hatte, war zur Malerei zurückgekehrt. Oder war er nie von ihr fortgegangen? Eine Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft Ausstellung in der Carl Haenlein zum erstenmal die Zeichnungen von Mario Merz von 1968 bis heute zusammengebracht hat, gibt die Möglichkeit, Zusammenhänge und Sprünge im Werk dieses unbeständigen Einzelgängers zu erkennen. Und da sieht man dann in dem Wald der großen, buntbemalten Blätter ein seltsames Hin und Her zwischen Mathematik und Mythologie, Ernst und Komik.

Als Mario Merz vor vielen Jahren in einer mathematischen Zeitschrift blätterte, da fand er etwas, was ihn begeisterte und was, über die Jahre hinweg, zur Gräte seiner Arbeit wurde: das 1202 von dem italienischen Mathematiker Fibonacci entwickelte Zahlensystem, in dem jede Zahl die Summe der beiden vorausgehender ist (also 1; 1; 2; 3; 5; 8; 13; 21 und so weiter). Für Merz war diese Zahlenreihe? mit der man übrigens die monatsweise fortschreitende Vermehrung eines Kaninchenpaares berechnete, ein Fundstück besonderer Art, eine Auskunft über das Muster, nach dem Natur überhaupt wächst und sich vermehrt und ein Anstoß dazu, die Dimension des Kunstwerks als einen ebensolchen Prozeß der "Proliferation", wie Merz es immer wieder nennt, zu begreifen. "Ich verstand nicht", sagt Merz, "warum ein Kunstwerk eine bestimmte Länge haben sollte, wenn es doch unendlich sein kann ... in der Fibonacci-Serie gibt es keine räumliche Begrenzung, weil Raum unendlich wird – nicht abstrakt unendlich sondern biologisch unendlich."

Mario Merz, der vollgesogen ist mit Pound, Spirituosen und Hölderlin, der halb als Olympier daherkommt und halb als Clochard, ist kein verbissener Purist, der seine Phantasie und seine Kunst nun in das Raster des Zahlenwachstums von Fibonacci preßt. Im Gegenteil: er bevölkert das Reich der Zahlen mit grotesken Uhus, Drachen, Krokodilen, Nashörnern und Elchen. Aber irgendwo ist ihnen allen jene unendliche Spirale ins Geäst der Rückenwirbel, in die Schichtung der Schuppen oder des Federkleides gelegt, die die Schnecke ohnehin als Haus und sichtbares Signum mit sich trägt, die Spirale in der Spirale hinter sich her ziehend. Auf großen Packpapierbogen entfaltet sich parallel zu dem zoologischen ein eher botanisches Reich pflanzlicher und fruchtartiger Formen und Strukturen, und in einer Serie von 14 Zeichnungen mit collageartigen Wein- und Efeublättern hat Merz, diesmal auch mit Zahlen, das am Ende flächendeckende Wachstum des zierlich rankenden Blattwerks verfolgt.

Man kann, wenn man bösartig oder naiv ist, Mario Merz einen Grünen der Kunst nennen, aber das geht nur, wenn man die Gräte, wenn man den in die Arbeit oft hineingekritzelten und manchmal auch in leuchtenden Neonzahlen applizierten Fibonacci wegläßt. Denn diese Zahlenreihe, die nicht das Muster, sondern das System der Ausdehnung der Natur zeigt, die nicht auf Symmetrie sondern auf Asymmetrie basiert, beschreibt nicht die freundlich harmonische Reformhausauch eine brutale Explosion. (Kestner-Gesellschaft bis zum 12. September, Katalog 29,– DM) Petra Kipphoff