Erneuert und erweitert: die Herzog August Bibliothek

Von Marianne Kesting

Nachdem man die Universitäten gründlich kaputt reformiert hat, so daß sich in ihnen die Forschung nur noch auf Krücken bewegt, ist hierzulande eine Forschungswunderstätte entstanden, als hätte irgendeine Hintergrundinstanz nach einer Kompensation, für das aus den Universitäten in ominösen Maße Entschwundene gesucht. Das Wunder jedoch ist gemacht worden, und es hat historische Ursachen. Im Lande der Traditionsvergessenheit auch wiederum ein Wunder. Ich spreche von Wolfenbüttel und seiner Herzog August Bibliothek.

Wolfenbüttel, die ehemalige Residenz der Herzöge von Braunschweig, ist – auch dies ein Wunder – der Sanierungwut deutscher Stadtverwaltungen bislang nicht zum Opfer gefallen und bietet, dank seiner jahrhundertelangen Ausklammerung aus dem, was der Menschheit bislang als „Fortschritt“ und „Entwicklung“ verordnet worden ist, noch heute das fast unberührte anheimelnde Fachwerk-Stadtbild aus jener Zeit, da dort der Hofbibliothekar Gotthold Ephraim Lessing seine letzten Lebensjahre verbrachte.

Die Oker plätschert unbehelligt durch den Ort. Die Industrie ist vor ihm angesiedelt. Schlimme Neubauten sind größtenteils vermieden, wenn man einmal von dem offenbar unvermeidlichen Kaufhaus absieht, das an prekärer Stelle zwischen Schloßbezirk und Stadt die Harmonie beträchtlich stört. Wie still das Städtchen auch anmutet, hier war die Stätte einer Verbindung zu den europäischen Höfen, nicht nur in politischer oder verwandtschaftlicher, sondern auch und vor allem in geistiger Hinsicht.

Die Herzöge von Braunschweig waren musisch. Sie betätigten sich als Kunstmäzene, Gelehrte, Bücher- und Gemäldesammler, Musikliebhaber und sogar als Dramatiker. Die gründeten überhaupt das erste Hoftheater. Und noch die Initiatorin des weimarischen Musenhofs, die Herzogin Anna Amalie, stammte aus ihrem Hause. Kein Wunder also, daß in dieser kleinen Residenzstadt nicht nur Lessing und Leibniz als Hofbibliothekare weilten, sondern auch Heinrich Schütz nach dem Dreißigjährigen Krieg sich um die Hofkapelle kümmerte und Michael Praetorius, nach Diensten am Hofe des Lorenzo de Medici in Florenz, in Wolfenbüttel auftauchte. Zahllos die berühmten Besucher in Wolfenbüttel, Nicolaus von Cues, Albrecht Von. Haller, der Baron von Münchhausen, Friedrich Nicolai und Moses Mendelssohn als Abgesandter Napoleons. Sie besuchten den Hof, vor allem aber die berühmte Bibliothek. Die Bibliothek wurde von Herzog Julius 1572 gegründet, der aus den damaligen Klosteraflösungen eine bedeutende Sammlung von mittelalterlichen Handschriften, Codices und Inkunabeln anlegte. Noch heute zeigt die Bibliothek nicht ohne Stolz ihre Rara vor, darunter die Ulfila-Bibel (deren vollständiges eigentliches Exemplar in Upsala gehütet wird), den Sachsen-Spiegel, Organa aus Notre-Dame um 1200, da dort mit der frühen Mehrstimmigkeit der Grundstock der abendländischen Musikentwicklung gelegt wurde. Ich sah noch ein wunderbares Exemplar von Francesco Colonnas „Hypnerotomachia Posiphili“, einer allegorischen Traumdarstellung der Renaissance, das „Corpus Agrimensorum Romanum“ aus dem Besitz des Erasmus von Rotterdam, kostbare Evangeliare, das Perikopenbuch von Reichenau.

Aber hier können nur Zahlen helfen. Die Bibliothek besitzt 3000 mittelalterliche Handschriften, 350 000 Bücher, die vor 1830 gedruckt wurden, und etwa 6000 Inkunabeln, zahllose Flugschriften und 32 000 Leichenpredigten als wichtige Dokumente, Pamphlete und so weiter.