Das kleine Schild mit der Aufschrift "Bardou" scheint den Weg ans Ende der Welt zu weisen. Die enge Straße (sofern sie diese Bezeichnung verdient) windet sich die Hänge einer Schlucht hinauf, daß einem schwindlig wird. Dann, am Ende des Tales, Bardou: ein Dutzend eng zusammengeduckte Häuser aus unverputzten, groben Steinquadern, Ruinen, Wiesenstücke und vor allem Stille. Hier lebt Klaus Erhardt mit seiner Frau, hier haben sie drei Kinder großgezogen, hier empfangen sie alljährlich Feriengäste aus ganz Europa. Die Erhardts wären wohl die zufriedensten Menschen der Welt, wenn sie nicht seit Jahren vergeblich um eines kämpfen würden: um Elektrizität.

Die Geschichte der Erhardts hört sich an wie eine Erzählung aus der Pionierzeit. Es ist eine Geschichte aus Frankreich, wo es im Jahre 1982 mehr Atomkraftwerke als anderswo, aber nicht Strom für jedermann gibt. Es ist eine Geschichte über Franzosen, die ihre Gunst nicht an den nächstbesten Fremdling verschenken. Es ist schließlich eine Geschichte aus der Provinz, wo eigene Gesetze gelten.

Fangen wir mit der Pioniergeschichte an. Der Student Klaus Erhardt aus Hannover, an der Freiburger Universität immatrikuliert, reist lieber durch die Welt als hinter Büchern zu sitzen. Mit seiner amerikanischen Kommilitonin Joan zieht er durch die fünf Kontinente und bleibt schließlich im südfranzösischen Languedoc hängen. Er hört, das Dorf. Bardou sei zu kaufen. Der letzte Bewohner, der 76 Jahre alte Achille Bonnet, ist gerade nach Mons Talausgang gezogen. Erhardt investiert eine Erbschaft und erwirbt die zerfallenen Häuser nebst 110 Hektar Wald. Mari schreibt das Jahr 1968.

"Die haben uns für Spinner gehalten", erzählt Erhardt, "wir rückten mit einem Zelt an, weil kein einziges Haus bewohnbar war." Doch weil kein das tote Dorf, erwacht bald zu neuem Leben. Steine und Holz gibt es genug, die Quelle ist nur 300 Meter entfernt, auch Helfer finden sich. Nur eines fehlt: Elektrizität. Aber das kann schließlich nur eine Frage der Zeit sein.

Erhardt versucht, den Lebensunterhalt für seine Familie mit einer Geflügelzucht zu verdienen. Nach ein paar Jahren stellt er (des penetranten Gestankes wegen) auf Schafe um. Heute weiden auf den kargen Hängen um Bardou über 250 prächtige Tiere, die Zucht ist von anerkannt hohem Niveau. Ehrhardt: "Schafe sind hier das Wichtigste. Ich bin in erster Linie Schafzüchter und -hirte."

Die Einheimischen sind verblüfft. Dörfer wie Bardou, das scheint im bergigen, unwirtlichen Süden Frankreichs ein ungeschriebenes Gesetz, sind zum Tode verurteilt. Zur Jahrhundertwende hatte Bardou noch etwa fünfzig Bewohner, 1936 nur noch sechs. Wer hier aushält, ist verrückt – oder er wartet auf das Sterben. Den Kindern bleut man ein: "Nur wenn du dir in der Schule Mühe gibst, schaffst du es, von hier wegzukommen." Die Jungen wollen nicht als Versager gelten und verschwinden so früh wie möglich in die Stadt. Die Folge ist bekannt: Landflucht ohne Ende.

Erhardt reüssiert da, wo die Einheimischen längst resigniert haben. Freunde und Gäste helfen ihm beim Aufbau, machen spartanisch einfache Ferienwohnungen aus den zerfallenen Behausungen – ohne Licht, Kühlschrank oder ähnlichen Komfort. Denn der Strom läßt auf sich warten. "Meines Wissens", sagt Erhardt zornig, "bin ich der einzige Bauer, der keinen Strom hat."