Von Irene Mayer-List

Der Kaufhauskunde tobte: Er würde nun schon eine Viertelstunde darauf warten, daß ihm einer seinen neuen Farbfernseher zum Auto brächte. Ein Sauladen sei das, hier würde er nie wieder einkaufen! Nur widerwillig ließ er sich von einem Verkäufer beschwichtigen, der ihm das teure Gerät schnellstens zum Parkplatz schleppte. Ohne Dankeswort brauste er ab. Als der Verkäufer nachher die Kollegen fragte, wer denn dieser cholerische Mensch eigentlich gewesen sei, stellte es sich dann heraus: Keiner hatte ihn bedient, und bezahlt hatte er auch nicht.

Für die deutschen Einzelhändler wird die Dreiwenn ein großes Gewühl ist, klauen sie wieder wie die Elstern“, stöhnt Joachim Dittrich vom Verband Deutscher Sportgeschäfte, in denen praktisch alles, vom Tennisball bis zum Trainingsanzug, entwendet wird. Aber auch Lebensmittel, Schallplatten, Bücher, Kleider und Heimwerkergerät sind bei Dieben beliebt.

Die Statistiken des Bundeskriminalamtes beweisen den Boom: Die Zahl der bekanntgewordenen Ladendiebstähle hat sich in den letzten zehn Jahren ungefähr verdoppelt und wächst damit wesentlich schneller als die Gesamtkriminalität. Allein in Nordrhein-Westfalen wurde im letzten Jahr geklaute Ware im Wert von insgesamt zehn Millionen Mark sichergestellt – 24 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch die Ladendiebstähle, die bei der Kriminalpolizei angezeigt werden – bundesweit sind es inzwischen über 300 000 pro Jahr stellen nach Auskunft der Kriminalisten nur „die Spitze eines Eisberges“ dar. In Wirklichkeit, so schätzen sie, gehen jedes Jahr rund eine Million Bundesbürger „einklaufen“. Die Waren, die sie nach Hause tragen, sind mehrere Milliarden Mark wert.

Hubertus Tessar, Sprecher der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels (HDE): „Manch kleinerer Ladenbesitzer würde nachts nicht mehr ruhig schlafen, wenn er wüßte, wieviel bei ihm gestohlen wird.“ Er schätzt, daß in manchen Fachgeschäften Ware im Wert von bis zu drei Prozent des Umsatzes unbezahlt herausgeschleppt wird, und die Kriminalpolizei hält solche Schätzungen nicht für übertrieben. In amerikanischen Großstädten wurden teilweise Diebstahlsquoten von bis zu zehn Prozent des Umsatzes ermittelt. Natürlich muß das in die Preise mit einkalkuliert werden, wenn der Laden nicht bankrott gehen soll.

Da aber viele kleinere Geschäftsleute nicht genau Buch führen, merken sie oft gar nicht, welche Werte – teilweise sind sie gleich hoch wie der Gewinn – abhanden kommen. Tessar: „Die meisten denken hier immer noch: Anderswo mag ja gestohlen werden, aber doch nicht bei mir.“

Wie ahnungslos die Ladenbesitzer oft sind, stellte auch die Seminarleiterin Ulrike Manns fest, die im Auftrag von Einzelhandelsverbänden Lehrgänge zur Verhinderung von Ladendiebstählen veranstaltet. In den letzten sieben Jahren hat sie als Anschauungsmaterial über zweitausend „Testklaus“ in verschiedenen Städten durchgeführt – bis jetzt wurde sie noch kein einziges Mal erwischt. Ihre Glanzleistungen: Sie schob mit einem Komplizen – beide im weißen Kittel – eine Waschmaschine aus einem Haushaltswarengeschäft, dessen Tür ein Verkäufer höflich offen hielt; sie schaufelte bei einem Juwelier Schmuck im Wert von 22 000 Mark aus dem offenen Tresor in die Handtasche und stolzierte komplett neu eingekleidet aus einem Modeladen.