Von Margrit Gerste

New York

Ein Mann mit 80: klein, ein wenig rundlich geworden, lebhaft und voller Geschichten, seine Klugheit nicht gefühllos, sein Blick zurück bleibt nicht bitter oder nostalgisch an Vergangenem kleben, sich erinnern macht nur Sinn, wenn es hilft, die Gegenwart zu reflektieren, und überhaupt: Wo Bitterkeit und großer Ernst zu erwarten wären, da überraschen Witz und leichtfüßige Selbstironie.

Die milchig-dicken Brillengläser sind ein Blickfang, der zunächst die Wahrnehmung eines sehr feinen, sehr edlen Gesichts verhindert.

Ein Mann mit 80 kann immer noch sanft, fast schüchtern flirten. Er mag die Frauen. Beim Spaziergang über den Broadway nimmt er ganz leicht den Arm seiner Begleiterin, bleibt immer wieder stehen, um zuzuhören oder selber zu erzählen. Die Menschen hasten und rennen vorbei, Autos rasen und hupen, mittendrin steht man mit ihm wie auf einer Insel des Zuhörens und Erzählens. Unter dem Arm trägt er die New York Times und einen Packen Papiere, der Vertrag über sein neues Buch mit dem Titel "Memoiren eines Moralisten".

Hans Sahl hat Sorgen damit. Das endlos lange Vertragswerk ist ihm zum Teil unverständlich, zum Teil ablehnenswert. Das Buch soll zur Frankfurter Messe erscheinen, er erst einmal alles unterschreiben, man werde danach sich schon einigen. Er lacht, "ist denn das jetzt so üblich bei Ihnen in Deutschland?" Seine Begleiterin weiß es auch nicht. Sie stolpert über den Titel: Ein "Moralist"? Das sei er doch nicht, er lehne sämtliche Ismen ab, jede Ideologie, aller Dogmatismus sei ihm verdächtig. ja, das stimmt", gibt er zu, "ich bin ein Einzelgänger geworden", und fügt belustigt hinzu: "Der Bruder aller Nonkonformisten." Es hat ihn Freunde, Kampfgefährten und Vorbilder gekostet. Wie beispielsweise Bertolt Brecht, den Nachbarn in der 57. Straße des New Yorker Exils.

"Eines Tages rief er mich aufgeregt an. ‚Sie müssen unbedingt Paul Tillich kennenlernen! Kommen Sie herüber, wir gehen ihn besuchen.‘ Ich ging also hin und traf Brecht schon in der Tür stehend, in die beste seiner maßgeschneiderten Arbeitsjacken gekleidet. Als wir zurückkamen, gab er mir seinen guten Menschen von Sezuan zu lesen. Es gefiel mir sehr, aber ich wollte wissen, wer denn hinter dieser einen Figur stecke: Hitler oder Stalin?" Die Antwort Brechts hat Hans Sahl 1944 zu einem Gedicht gemacht: "Hören Sie zu,/dieses Gespräch macht mich nicht glücklich./verlassen Sie augenblicklich/mein Zimmer/für immer./Ich dulde nicht,/daß in diesem Apartment,/welches mir sehr behagt,/jemand etwas Schlechtes sagt/über den Mann im Kreml." Er flog also hinaus "nachmittags Um vier/siebenundfünfzigste Straße, Ecke Lexington Avenue", und heute räsonniert er: "Brecht war ein Magier, wir waren alle von ihm beeinflußt. Jeder mußte sich von ihm befreien, auch ich bin in seinen Schuhen umhergewandert. Doch er brauchte eine Ideologie. Er war verliebt in die Exotik, in die Exotik Amerikas, in die Exotik des Kommunismus. In seinem dichterischen Vokabular benutzte er ,Mehrwert‘ wie ,Alabama‘. Und er hatte Schwierigkeiten beim Beschreiben der Wahrheit."