Von Helmut Schödel

Keiner Stadt in Deutschland begegne ich so oft wie dieser. Kaum erreiche ich Köln, Berlin oder Frankfurt, kaum hat mir der Hotelportier das Anmeldeformular über die Theke der Rezeption geschoben, schreibe ich ihren Namen hin. In die Rubrik "geboren in" trage ich hinter dem Doppelpunkt ein: Hof. Seit ich lebe, begleitet mich der Name dieser Stadt, für die ich mich nie entscheiden konnte. Jetzt habe ich sie besucht. Gleich nach meiner Ankunft floh ich auf einen der Hügel, die sie umgeben.

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Auf einem Hügel über der Stadt liegt die Villa des Schriftstellers. Sein Vater, ein Rechtsanwalt, hat sie in den dreißiger Jahren gebaut. Der ausgetrocknete Tümpel unterhalb der Terrasse ist mit Moos zugewacnsen. Lupinen blühen an seinen Rändern. Dahinter verwildert ein kleiner Park, fast wie einer von Eichendorffs Gärten. Wir sitzen unter den Sonnendächern der Terrasse und blättern in den Manuskripten des Schriftstellers. Er träumt von Ägypten und sieht es jenseits seines Parks erfroren. "Mein Ägypten versunken im Schnee", steht auf dem letzten Blatt der Textsammlung, das "Letzte ägyptische Notizen" heißt: "Nur Güterzüge verkehren noch. Der Nil ist zu einem vogtländischen Flüßchen geworden, das sich rauschend über ein Wehr stürzt. Die Pyramiden zugeschneit bis zur Spitze." Ein Gewitter zieht auf, Regen prasselt auf die Sonnendächer, der Sommertag geht rasch zu Ende. Denn am Fuß des Hügels, hinter den Bäumen des Parks: kein Nil und keine Pyramiden. Der Fluß heißt Saale, dort unten liegt Hof.

Von seinen 54 000 Einwohnern sind zu viele schon alt. Mit den Sterbefällen sinkt noch immer die Einwohnerzahl. Große Fabriken stehen in der Stadt: Spinnereien; Webereien, die früher nach Thüringen und Sachsen lieferten; Die riesigen Gleisanlagen des-Bahnhofs erinnern an bessere Tage. Hof hat sieben Brauereien. Die DDR-Grenze nähert sich der Stadt bis auf vier Kilometer. Von der ČSSR ist Hof nur zwölf Kilometer entfernt. Die nächste Großstadt (die diesen Namen nicht verdient) ist Nürnberg, über hundert Kilometer weit weg. Hof liegt, wie seine Werbeprospekte es verkünden, "in Bayern ganz oben".

Für den Schriftsteller, dessen Villa auf dem Hügel steht, interessieren sich in der Stadt unten wenige. Stolz ist man hier auf Jean Paul, der in Hof und der Umgebung (zwischen Fichtelgebirge und Frankenwald) lebte. Er nannte Hof "Kuhschnappel", "Krewinkel", "Flachsenfingen" und schrieb in seinem ersten Roman: "Man äfft mich, denn ich bin fremd. Ich bin zu offenherzig, darum hält man mich für einen Einfältigen ... Ich leb’ unter den Leuten so hin. Ich befürchte gar, ihnen ähnlich und mir unähnlich zu werden." Davor schützt Claus Henneberg seine Eremitage auf dem Hügel. Man muß über Geld und Besitz verfügen, um in Hof leben zu können, ohne ein Hofer zu werden.

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