West-Berlin

Sonntag morgens, 7.30 Uhr. Tiefschlaf. Plötzlich wird die leidgeprüfte City-Bewohnerin unsanft aus dem Traum gerissen: Vor der Pension schräg gegenüber lädt ein Reisebus eine Touristengruppe zur Heimfahrt ein. Lachsalven der Männer begleiten schlüpfrige Erzählungen nächtlicher Erlebnisse. Dazwischen kreischen Frauenstimmen auf.

Letzte Nacht hat die City-Bewohnerin ihr Frühstücksei zum Abstellen des Lärms verwendet. Es landete genau vor den Füßen einer Gruppe Ruhrpottler: „Wat is denn dat?!“ tönte es entsetzt – dann ward Stille. Jetzt aber hat sie kein Wurfgeschoß mehr und vergräbt den Kopf stöhnend im Kissen.

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Vor allem im Sommer strömen Scharen abenteuerlustiger Provinzler in die Stadt. Wer kann, rettet sich nach Kreta. Der Kudamm – einstiger Berliner Bummelboulevard – ist dann Sperrgebiet für Berliner – außer für Ramschverkäufer und andere, die vom Tourismus leben. Ausnahmen bilden ein paar Modepunks und Rollschuhflipper, die weder aufs Publikum noch auf die luxuriös gepflasterten Bürgersteige verzichten wollen.

Der Kudamm gilt dem Senat als Aushängeschild der Stadt. Sonst ist manches pfui-ba-ba, aber für die Prachtstraße wird dieses Jahr wieder Geld locker gemacht: Unsere Stadt soll schöner werden. Jedenfalls da, wo der zahlende Gast sie sieht.

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