Bei ihrem Besuch in Washington versuchte Indira Gandhi ihr Image abzubauen, eine getreue Vasallin Moskaus zu sein.

Eine gute Schauspielerin ist Indira Gandhi nicht. Ihre Miene konnte Genugtuung kaum verhehlen, als sie sich von Ronald Reagan verabschiedete. Aber deutlich zu sehen war auch ihr Mißtrauen und ihre Distanz gegenüber dem amerikanischen Präsidenten. Indien ist keineswegs mit fliegenden Fahnen in das Lager der Amerikaner übergelaufen. Dennoch: Die von Argwohn und gegenseitigen Verdächtigungen geprägten Beziehungen haben sich entspannt. Davon hoffen nun beide Seiten zu profitieren.

Ganz entscheidend ist für Indien die amerikanische Erlaubnis, in Zukunft angereichertes Uran für den von den USA gebauten Atomreaktor Tarapur beziehen zu dürfen. Die Weigerung Washingtons, den Uran-Nachschub zu sichern, hatte das indisch-amerikanische Verhältnis stark belastet. Bisheriger Grund: Indien hat den Atomsperrvertrag nicht unterzeichnet und weigerte sich, Inspektionen seiner Wiederaufbereitungsanlage zuzulassen. Die Amerikaner argwöhnten, Indien wolle sich alle Optionen für eine atomare Rüstung offenhalten. Schließlich ist Indien das einzige Land der Dritten Welt, das den Brennstoffzyklus gemeistert hat. Im Jahre 1974 zündete es seinen ersten atomaren Sprengsatz. Inzwischen soll es genügend Plutonium haben, um 200 Sprengsätze zu bauen.

Ob Delhi allerdings jetzt Inspektionen erlaubt, bleibt fraglich. Die gemeinsame Erklärung zu diesem Punkt ist auffallend vage. Die Amerikaner sind anscheinend bereit, sich die Einbindung Indiens in ihre neue Asien-Strategie, oder doch Delhis stillschweigendes Einverständnis dazu, einiges kosten zu lassen. So beschwor Reagan die Gemeinsamkeitien „der beiden größten Demokratien der Erde“ und erfüllte Frau Gandhi einen langgehegten Wunsch: Er erkannte Indien als Hegemonialmacht in Südasien an.

Pakistan, dem Bündnispartner, der nach der russischen Invasion in Afghanistan massiv aufgerüstet worden war, hatte Washington schon vorher zu verstehen gegeben, daß die Freundschaft Grenzen haben müsse, weil zu viel Nähe von den Indern mißverstanden werden könnte. Zur Kompensation war Delhi sogar der Kauf von F-16-Kampfbombern angeboten worden.

Daß Indien die F-16 kaufen wird, ist wenig wahrscheinlich. Aber an anderen Waffen ist Indira Gandhi interessiert: an Raketen, an Artillerie und Flugzeugen. Darüber wird man sich jetzt wohl einigen, zumal die USA erfreut sind, daß Indien seine fast totale Abhängigkeit von der Sowjetunion auf dem Rüstungssektor abbauen will.

Ob es Indira Gandhi nun gelungen ist, die Amerikaner von ihrem Vorurteil abzubringen, daß Indien bloß ein Lakai der Russen sei, wird die Zukunft zeigen. Nur wirkliche Blockfreiheit – so die indische Regierungschefin – könne ihr Land als Sprecher der Dritten Welt attraktiv machen. Washington, dessen Image im Lager der Blockfreien stark lädiert ist, würde sich gerne der guten Dienste Delhis versichern.