Von Juan Goytisolo

Während das Fernsehen und die übrigen Medien uns unablässig – zum Frühstück oder zum Abendessen – Bilder und erschütternde Berichte über die Apokalypse servieren, die über die libanesische und palästinensische Bevölkerung hereinbricht, hervorgerufen durch die Operation „Friede in Galiläa“, und während Angst, Abscheu und Ohnmacht vor diesem neuen, blutigeren Kapitel der Tragödie eines Volkes sich mit dem Ekel der Verachtung über die Indifferenz fast aller westlicher Regierungen und – was noch schlimmer ist – der eigenen arabischen Staaten vermischt, vereinte der Zufall zwischen dem Stapel von Zeitungen und Zeitschriften, die sich in meinem Haus bei meiner Rückkehr von einer Reise auftürmten, zwei Photographien.

Die erste zeigt eine jüdische Familie auf der Flucht aus einem der zaristischen Pogrome in Rußland, die im Schutze von Bajonetten die Verkündigung ihres Schicksals erwartet. Entsetzen und Angst spricht aus den Gesichtern. Das andere Photo zeigt drei junge gefesselte palästinensische Flüchtlinge am Rande einer libanesischen Straße, nicht weit entfernt von einem Jeep der israelischen Invasoren. Der Junge, der am deutlichsten zu erkennen ist, sieht mit einem Ausdruck unbeweglicher Leere ins Objektiv, jener Leere, die aus der Hoffnungslosigkeit hervorgeht.

Ein einfacher Vergleich? An den Haaren herbeigezogen? Gleichheit? Jegliche Beziehung zur Ahnlichkeit oder zum Kontrast enthält fraglos ein willkürliches Element. Dennoch, die Situation bietet gemeinsame Aspekte: Entwurzelung, Erniedrigung, Ungerechtigkeit einerseits und andererseits brutale Gewalt, das ewige Gesetz des Stärkeren.

Unendlich viele Fragen und Antworten lasten auf uns. Wie konnte das Ruder herumgeworfen werden? Zugunsten welcher Moral und Logik konnte ein verfolgtes Volk zum Verfolger werden? Warum – mit den Worten des jüdischen französischen Schriftstellers Pierre Vidal-Naquet – hat Israel aufgehört, diese aus Wahn gezeugte „Repräsentation des preußischen Staates als höchste Verwirklichung der Vernunft in der Geschichte“ zu sein?

Ein zionistischer Schriftsteller, Paul Giniewski, antwortete jüngst in Le Monde (12. Juni 1982) auf seine Art und Weise: „Die israelischen Juden sind nicht mehr die Juden, die leiden. Sie sind selbstsichere Juden. Sie sind Juden, die die Holocaust-Lektion gelernt haben. Die israelischen Juden sind nicht mehr die Juden, die klein beigeben.“

Wirklich, eine ausgezeichnete Lektion wurde da gelernt; nämlich die, beim anderen genau das anzuwenden, unter dem sie selbst gelitten haben und gegen das sie sich aufgelehnt haben. Dieser andere, der im Unterschied zu einem Europa, das sich seit Jahrhunderten der Verfolgung, des Tötens, Ausstoßens und zum Schluß des Holocaust schuldig gemacht hat, ihnen niemals etwas angetan hat, bevor sie mit Gewalt und List sich seines Landes bemächtigten und – indem sie das große biblische Versprechen beschwörten – eine Bevölkerung durch die andere ersetzten, und die jahrhundertealte Anwesenheit der Araber innerhalb der israelischen Grenzen, festgesetzt durch die Uno, auslöschten, und 20 Jahre später auch noch das besetzten, was von Palästina übrig war, und mit mächtigen Schritten ihren unbefleckten Judenstaat vorantrieben.