Während ich in diesem bezaubernd illustrierten Wiesenbuch blättere, rattert nebenan der Rasenmäher über ein zu Tode getrimmtes Stück Spießergrün, das mit Vertikutierrechen, Rasenbesen, Unkrautstecher, Kantenschere und Kunstdünger erfolgreich zu einem deutschen Muster-Rasen mißgestaltet wird. Statt duftender Wiese: stumpfsinnige Stoppelrasur, totes Biotop, Krüppelgras – öde, lebensfeindlich, „unkrautfrei“.

Mit wunderschönen Graphiken, Erzähltexten und Sachinformation gibt die Autorin in ihrem Bilderbuch ein Plädoyer für undressierte Natur, gegen eine „Verunkrautung des Denkens“ (Horst Stern). Sie beschreibt und malt die Wiese im Kreislauf des Jahres, erzählt von Pflanzen und Tieren, die in diesem ökologischen Rückzugsgebiet unter Millionen Hektar perfekt ausgenutzter Agrarflächen und Monokulturen noch eine Zuflucht haben.

Irmgard Lucht: „Die Wiesen-Uhr. Das Jahr der Wiese“; Ellermann Verlag, München; 38 S., 18,– DM.

Heupferdchen, Schnirkelschnecke, -Pfauenauge und Rauchschwalbe, Maulwurf, Schermaus, Grasfrosch und Schwalbenschwanz, der kleine Fuchs und die Erdhummel hausen in dieser grünen Kommune, wo Gänseblumen und Gundermann, Rotklee, Schafgarbe, Sauerampfer und Bärenklau blühen. Artistisch gezeichnet und exakt beschrieben, lernen Kinder Pflanzen und Wiesenbewohner kennen. Im Anhang werden Blumen, Gräser, Tiere alphabetisch geordnet aufgeführt.

Dieses Naturbilderbuch ist durchaus nicht allein für Kinder nützlich; sie sollten es ihren Eltern geben, jener Generation, die im Jahre 2000 die Folge der Unkrautjagd noch miterleben wird. Fachleute sagen voraus, daß die Hälfte der mitteleuropäischen Pflanzenarten dann ausgerottet sein wird. Von 768 gefährdeten Arten wachsen allein 283 auf Wiesen.

Nicht von ungefähr ist dieses Sachbuch so kundig und kunstvoll, so informativ und liebevoll gemacht: Die Autorin hat drei Jahre lang an diesem Wiesenstück, gearbeitet. Unter den Titeln der Sachbuch-Reihe „Uhren-Serie“ im Ellermann Verlag finde ich die Wiesen-Uhr am interessantesten und schönsten. Ute Blaich