Begins militärischer Vorstoß nach Beirut und die Haltung der Deutschen

Von Theo Sommer

Beirut sinkt in Schutt und Asche, Hunderttausende von Libanesen und Palästinensern leben in Angst und Schrecken, ein orientalisches Coventry von gewaltigen Ausmaßen bahnt sich an. Die Welt sieht der Tragödie beklommen, doch tatenlos zu. Die Vereinten Nationen und die Europäische Gemeinschaft lassen es bei kraftlosen Entschließungen bewenden; die östliche Supermacht windet sich in Verlegenheit; die westliche Supermacht, gefangen zwischen Inkompetenz und Impotenz, gewährt dem Unheil seinen Lauf. Die Westdeutschen jedoch verschließen am liebsten die Augen vor der brutalen Gewaltanwendung Israels. Sie versagen es sich, Abscheu zu empfinden oder zu artikulieren.

Weshalb die Zurückhaltung? Die Frankfurter Allgemeine hat jüngst gemutmaßt, da wirke der Schock über den Münchener Mordanschlag auf die israelische Olympiamannschaft nach, "so daß eine Vernichtung der PLO dem Gefühl für das Recht und dem geordneten Lauf der Welt entspricht". Solch grobschlächtiges Räsonieren mag in der Tat an manchen Stammtischen zu Hause sein. Zur Erklärung unseres Mangels an erkennbarer Betroffenheit reicht es indes ebensowenig aus wie der Verdacht, in der sommerlichen Ferienzeit – einst die klassische Saison der Kriegsausbrüche – sei die Nation der Wirklichkeit überhaupt entrückt.

In Wahrheit wurzelt unser Schweigen tiefer: in der niederdrückenden Erinnerung an das himmelschreiende Unrecht, das die Deutschen unter Hitler den Juden angetan haben. Sechs Millionen von den Nazis vergaste Juden machen uns stumm gegenüber den Überlebenden des Holocaust. Die Untaten der SS-Mörder hindern uns, die Untaten jener anzuprangern, die ihrer Vernichtungsmaschine entronnen sind. Weil wir selber für ungeheuerliche Verbrechen am Volk der Juden ungeheuerhen haben, fühlen wir uns unzuständig, ja unbefugt, über den Staat der Juden zu urteilen.

Diese Haltung ist falsch. Die Geschichte erlegt den Deutschen Keine Hörigkeit gegenüber Israel auf, ganz gleich wie moralisch, amoralisch oder unmoralisch dessen Politik sei. Sie gebietet ihnen nicht Nibelungentreue, sondern Prinzipientreue. Sie verpflichtet sie zumal, Unrecht Unrecht zu nennen, wer immer es begeht. Der Gedanke an Hitlers Endlösung darf sie nicht daran hindern, Standpunkte einzunehmen, die von Israels Position abweichen oder ihr entgegenstehen. Das "besondere Verhältnis" zwischen Bonn und Jerusalem, das in den Schrecken der Nazi-Vergangenheit wurzelt, erstreckt sich nicht automatisch auf die Schrecken der Begin-Gegenwart. Auch dort nicht, wo es um die Palästinenser geht.

Ohne das Grauen der Gaskammern wäre Israel schwerlich ins Leben getreten; die Schubkraft des Zionismus allein hätte dazu wohl nicht ausgereicht. In Palästina fanden die Juden ihre nationale Heimstatt; in der Sympathie aber, die den Überlebenden der Konzentrationslager entgegenschlug, fand ihr Staat seine eigentliche. Erst allmählich hat sich dann die Erkenntnis durchgesetzt, daß die jüdische Staatsgründung ihrerseits neue Opfer schuf: die Millionen von Palästinensern, die flüchteten oder vertrieben wurden, als über ihrem Land die Flagge mit dem Davidstern gehißt wurde, und die seitdem in Flüchtlingslagern dahinvegetieren oder im bewaffneten Kampf Zuflucht suchen. Weitere 1,3 Millionen kamen 1967 im Westjordanland und im Gazastreifen hinzu; sie stöhnen längst unter der Drangsal einer ständig unduldsamer, härter und hochfahrender werdenden Besatzungsmacht, die ihnen ihr Land konfisziert, das Wasser abgräbt und jegliche politische Selbstbestimmung verwehrt.