„Brasilien – Ein Land der Zukunft“, von Stefan Zweig. „Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich, eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gewährt. Mit jedem Tage habe ich dieses Land mehr lieben gelernt und nirgendwo hätte ich mir lieber mein Leben vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich, untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selbst vernichtet.“ Mit diesem Brief, geschrieben am 22. Februar 1942 in Petropolis, einem Vorort von Rio de Janeiro, nahm der Kosmopolit Zweig, den das nazistische Reich zu einem „heimatlosen Wanderer? gemacht hatte, Abschied vom Leben in einem Land, das ihm als „eine der größten Hoffnungen und vielleicht sogar die berechtigste Hoffnung unserer Welt“ erschienen war – als eine Hoffnung, die ihm dennoch den Verlust Europas nicht hat überwinden helfen können. Sie war letztlich wohl zu stark an die Wunschträume Zweigs gebunden, wie sein letztes, Brasilien gewidmetes Buch beweist, das nach vierzig Jahren nun endlich wieder vorliegt. Es sind Aufzeichnungen zur Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur dieses größten lateinamerikanischen Landes, die sich wie die Vision eines vom Irrationalen Überwältigten lesen. Überreich an konkreten Fakten zwar, erscheint das Buch dennoch eher als enthusiastische Hommage an die romantische fortschrittsehnsüchtige Utopie vom „irdischen Paradies“, in dem „alle Gegensätze, selbst jene im Sozialen“ ausgelöscht sind und „humane Verständigung und friedliches Zusammenleben“ zwischen allen Rassen und Klassen erreicht ist. Daß die Idee der Toleranz und der „gegenseitigen Konzilianz“ zum nationalbrasilianischen Credo gehört, läßt sich gewiß nicht bestreiten. Nicht zu leugnen aber ist auch, daß sie in der Praxis eher zum Kirchenlatein wird. Niemand hat das unwillentlich besser illustriert als der auch im Exil noch begüterte und als Erfolgsschriftsteller gehätschelte Großbürger Zweig, der von den favelas, den Elendsquartieren Rios schreibt: „Sie entbehren mancher moderner Annehmlichkeit. Den Negern, die zum Teil von ganz kleinen Einkommen leben, ist es zu teuer, in Mietswohnungen innerhalb der Stadt zu wohnen.“ Den schwärmerhaft unkritischen Augen des geradezu naiv um Überparteilichkeit bemühten Humanisten Zweig blieb ganz Wesentliches verborgen. Nicht zuletzt auch der Doppelsinn seines Satzes: „Ich wußte, ich hatte einen Blick in die Zukunft unserer Welt getan.“ (Insel Verlag, Frankfurt, 1981; 289 S., 36,– DM.)

Ute Stempel