Das schaurig schöne Entzücken von Kindern an Geister-, Spuk- und Gruselstorys ist durch eine Reihe, domestizierter Vampire und Gespenster pädagogisch umfunktioniert worden. Nachtmahre wurden bis zur Gemütlichkeit unkenntlich gemacht, Monster und Gespenster hatten zensierte Auftritte. Sie mußten sich nett und harmlos zeigen. Preußlers kleines Gespenst und Sandbergs Laban bekamen neues Design: Soft-Grusel für Anfänger. Die pädagogische Nachtigall trappte und trillerte hörbar. Auch das Gespenst der Mrs. Gaddy ist ein Antityp. Aber was dieses Taschenbuch so vergnüglich macht, ist eine witzig unverkrampfte Erzählweise, sind Illustrationen, die englischen Humor haben. Da quietscht nicht ständig die psychologische Hintertür; Lernziel hin, Pädagogik her: Der Jux bleibt ohne Befrachtung.

Wilson Gage (Text) und Marylin Hafner (Ill.): „Mathilde und das Gespenst“; insel taschenbuch, Insel Verlag Frankfurt; 58 S., 8,– DM.

Mrs. Gaddy, die in der übrigens hervorragenden deutschen Übersetzung Mathilde heißt, haust auf einer amerikanischen Farm. Mit einer Kuh, einem Esel, ein paar Maisfeldern und Apfelbäumen betreibt sie wohl so etwas wie alternative Landwirtschaft. Außerdem hat sie ein fettes Hündchen, eine struppige Katze und einen wirbelsturmsicheren Keller. Das Glück der Mrs. Gaddy wäre vollkommen, wäre da nicht dieses nächtliche Wummsen und Schlappfen, das Poltern und Pengpeng. Die resolute Mrs. Gaddy versucht, den Spuk zunächst mit konventionellen Mitteln zu bekämpfen: Besen, Insektenspray, Mausefallen gefüllt mit Pfefferkuchen, schließlich dann – schon radikaler – per Feuerbestattung im häuslichen Kamin. Aber das Mitternachtsgepolter bleibt. Da schreibt Mrs. Gaddy einen höflichen Brief: „Gehe bitte fort und spuke in einem andern Haus. Hochachtungsvoll Das wirkt. Die rundliche Hobby-Bäuerin hört in der Nacht die allerkläglichsten Tönchen. Am hölzernen Küchentisch sitzt ein heulendes Jammergespenst, ein blasser langnasiger Typ, der verzweifelt aussieht und Tbc zu haben scheint. Und vor ihm sitzt Mrs. Gaddys fettes Hündchen, legt Kopf und Ohren schief und zeigt Mitgefühl. Die pyknische Mrs. Gaddy ist nicht nur furchtlos, sie hat auch ein gutes Herz. Sie zerreißt den Brief, gestattet dem schnüffelnden, schniefenden Männchen zu bleiben, kauft sich Ohrenschützer und gewinnt das Wummsen und Rummsen direkt lieb. Der Lohn dieser guten Tat zeigt sich auf der vorletzten Seite: Das schüchterne Jammergestell macht sich nützlich. Es fegt und putzt und kocht und wischt. Die Moral der Story kommt nicht auf Elefantenfüßen. Durch die trockene Erzählweise, den Ulk der Illustrationen bleibt die Sache ohne obligate Nutzanwendung zur Charakterbildung von Kindern. Marylin Hafner packt mit kargem Strich, hübsch englisch unterkühlt die Situations-Charme, und das Ganze ist bezaubernder Unfug.

U. B.