Stuttgart: „Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“

Wie reagieren Künstler auf unsere krisengebeutelte Gegenwart? Schließen sie sich der Flucht in ein nostalgisch verklärtes Gestern an, bewegen auch sie sich auf eine Zukunft zu, von der sie eigentlich keine Vorstellung haben, ebensowenig wie die Politiker, die sich als Pfadfinder ins Morgen empfehlen? Oder zeigen die Arbeiten der Künstler, die weniger beengt sind durch das Sachzwangkorsett, das die Gegenwart sich geschneidert hat, Ansätze zu einer konkreten Utopie, zu einer brauchbaren Konstruktion der Zukunft, berichten sie von einer als Jetztzeit verstandenen Vergangenheit, in der Deutungsmuster der aktuellen Situation sichtbar werden? Antworten auf solche Fragen erscheinen Tilman Osterwold wichtiger als das Zelebrieren von Kunst als Kunst – die Ausstellungstrilogle, die selbst für die großen Säle im Württembergischen Kunstverein etwas zu umfangreich geraten ist, gibt eine Reihe von Auskünften. Teil eins („Reflexionen der Kulturtradition“) enthält zwar Arbeiten, die gerade das Nachdenken über die Vergangenheit vermissen lassen, der Umstand, daß manche den riesigen Steinbruch der Geschichte einfach als Selbstbedienungsladen verstehen, ist aber auch schon ein Befund, der seinerseits zum Nachdenken anregt. Der vielleicht ironisch gemeinte „Dachstuhl“ des Architekten Hans Dieter Schaal verdeutlicht zumindest diese Haltung: Die mit Versatzstücken aus der Kulturtradition angefüllte Rumpelkammer führt dem Besucher Urgroßvaters architektonischen Hausrat vor, der nun wieder dekorativ wirkt – nur, warum die Antiquitäten so sympathisch erscheinen, ist nicht mitreflektiert. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit bleibt bloße, gelegentlich witzige Spielerei. Es gibt auch im zweiten Teil, der mit „Schöpfungsgeschichtliche Grunderfahrungen“ überschrieben ist, Arbeiten mit peripherem Bezug zum Thema. Nicht jeder Atavismus ist eine Wiederentdeckung verschütteter Erinnerungen. Dennoch wird in dieser Abteilung deutlich, daß es durchaus möglich ist, im Rückgriff auf die Vergangenheit die Gegenwart zu interpretieren, sogar auf Zukünftiges zu verweisen. Dabei geht es oft um das Sichtbarmachen eines Verlustes, um ein amputiertes Heute, das nun nicht am Gestern genesen soll, aber sich klarwerden über das, was eindimensionales Fortschrittsdenken für unbrauchbar erklärt hat. Nicht ohne Grund heißt der Schlußteil, verzahnt mit dem Teil zwei, „Vergegenwärtigung des Psychischen“. Umdenken ist eine Frage des Bewußtseins – und in diesem Zusammenhang erhält der vielgeschmähte Begriff Avantgarde einen ganz neuen Sinn. (Bis zum 22. August, Katalog 38 Mark)

Helmut Schneider

Berlin: „Meisterwerke Antiker Kunst –

Abgußsammlung Berlin“

Der Delphische Wagenlenker, Phidias’ Athens Lernma, der Barberinische Faun, die Venus von Milo, Laokoon-Gruppe und Dornauszieher, Platten von der Ära Paris: das alles in einer Ausstellung, Hauptstücke der Antike zusammengeführt aus den Museen von Delphi, Kassel, München, Paris und Rom? Gipsabgüsse ermöglichen diese Versammlung, die mit Originalen nicht zu realisieren ist; die im Aufbau befindliche Berliner Abgußsammlung wird mit ihren prominentesten Exemplaren nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert, in der adäquaten‚ neo-neo-klassizistischen Um-– gebung der Siemens-Mosaikhalle. Jahrhundertelang das A und O jeder künstlerischen Ausbildung, geht auch die Berliner Sammlung (1695 begründet) auf Gipsabgüsse der Kunstakademie zurück. Sie wurde später den Museen angegliedert (Schinkel: „höchst belehrender Charakter“, Stüler: „eigentlicher Mittelpunkt aller Sammlungen“), dann der Universität übergeben. Dort waren seit 1921 etwa 2500 Abgüsse zu studieren, die größte Sammlung der Welt. Was kriegerische und andere Zerstörungen davon übrigließen, verstaubt heute im Keller des Ost-Berliner Pergamon-Museums. Staatliche Museen, die Freie Universität und das Land Berlin faßten vor fünf Jahren den Beschluß, eine West-Berliner Abgußsammlung aufzubauen. Hauptgründe: die Tradition und der wissenschaftliche Nutzen. Schwache Grundlage für ein eigenes Museum, das ins Auge gefaßt ist? In der Tat hat die Gips-Idee zu Zeiten schier unbegrenzter Reisemöglichkeiten einen nostalgischen, museums- und wissenschaftsgeschichtlichen Zug – wer wagte ein Kopien-Museum der 100 besten Gemälde? Doch die guten Gründe überwiegen, Produkte der Berliner Gipsformerei sind in aller Welt zu sehen, nur nicht hier; das West-Berliner Antikenmuseum besitzt fast ausschließlich Kleinkunst; die Archäologie lebt zum großen Teil aus dem Vergleich, und der kann am Objekt selbst in der Regel nur über Kopien durchgeführt werden. Und schließlich: Die belehrenden Möglichkeiten einer solchen Sammlung sind schier unerschöpflich. Die Abgußsammlung wurde wiederbelebt, nun sollte auch der nächste Schritt, die Unterbringung in zur Verfügung stehenden Räumen in unmittelbarer Nachbarschaft des Antikenmuseums, vollzogen werden. Eines wird die geschickt arrangierte Gipssammlung mit Sicherheit: ein großer Publikumserfolg. (Mosaikhalle der Siemens AG, Rohrdamm 85, bis zum 29. Oktober.)

Ernst Busche