Oldenburg

Esterwegen – Gedenkstätte“ – ein kleines Schild an der Bundesstraße 401, die schnurgerade am endlosen Küstenkanal nach Westen zur Ems führt. In diesem entlegenen Flecken Deutschlands, dem Emsland, gab es es einst zahlreiche Konzentrationslager – in fünfzehn Dörfern mit unbekannten Namen wie Dalum, Versen, Walchum, Esterwegen ... Hier und dort weitere Hinweise: Gedenktafeln für die vielen zu Tode geschundenen KZ-Häftlinge, der Name des Bekanntesten, des Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky, steht für Tausende Namenlose.

Die Tafeln gibt es erst, seit sich, im vergangenen Jahr zum erstenmal, auf dem Gelände des ehemaligen Moor-KZ Esterwegen sechzig Jugendliche aus Polen, Großbritannien, Ungarn, den Niederlanden und der Bundesrepublik zusammengefunden haben, um sich nun jährlich zu einem „Jugend-Work-Camp“ zu treffen, das der Bremer Senat organisiert. Hätten sie nicht einen Verein gegründet, der an dieser Stelle ein Dokumentationszentrum errichten will, wäre jenes unauffällige Schild an der Bundesstraße, das auf eine Gedenkstätte auf dem Lagerfriedhof hinweist, womöglich alles geblieben, was an die jüngere deutsche Vergangenheit in dieser verlassenen Gegend erinnert. Ein Bürokrat der oldenbuigischen Bezirksregierung hatte 1979 einer Bürgerinitiative das Aufstellen einer Gedenktafel untersagen wollen. Begründung: die in den KZs Inhaftierten seien „rechtmäßig verurteilt worden“ und: nicht „Tausende“, wie auf der Tafel zu lesen, sondern, nach Lage der Akten, „nur 1317 Tote“ seien dort begraben.

Niedersachsens Innenminister Möcklinghoff aber entschied gegen die widerstrebende Bezirksregierung, in Esterwegen eine Gedenkstätte zu errichten. Herausgekommen ist dabei eine Art Landessakralbau, der es ermöglicht, Gedenken zu absolvieren. Die jungen Leute aber wollen Vergangenheit zurückholen und dokumentieren, sie wollen sie. nahebringen und nicht entrücken. Deshalb zogen sie in diesem Juli wieder mit Schaufeln und Spaten ins Moor, um Zeitgeschichte zu rekonstruieren. Sie wollen eine Lagerbaracke wieder so herrichten, wie sie in der NS-Zeit aussah. Bundesverteidigungsminister Apel hat für diesen Zweck einen Teil des ehemaligen KZ-Geländes, das jetzt der Bundeswehr gehört, freigegeben.

Die Emsländer sind wortkarg und man darf vermuten, daß viele in der Zeit des Nationalsozialismus lieber geschwiegen haben, wenn es hieß, wieder einmal sei ein Häftling „auf der Flucht erschossen worden“. „Wir hatten erst Angst, die würden uns verjagen“, sagt John Gerardu vom Bremer Jugendamt. Aber es kam anders: Als in diesem Jahr die Gruppe wiederkam, begegnete sie aufgeschlossenen, ja warmherzigen Einheimischen. Nicht alle Arbeiten konnten die jungen Leute (zwischen 16 und 22 Jahren) ohne fremde Hilfe bewerkstelligen, gelegentlich fehlten Maschinen und Geräte. Eine benachbarte Gärtnerei sprang ein, ein Bauer half mit einem Traktor aus. Und der Landwirt Fritz Kühn, Jahrgang 1919, bei dem die Gruppe überraschend aufkreuzte, um noch einige Details über eine Gedenktafel auf seinem Hof – ehemaligem Lagergelände – zu klären, empfing sie: „Meine Kinder fragen oft nach der Hitlerzeit. Ich hab’ dafür Verständnis.“ In der großen Bauernküche entspann sich ein langes Gespräch. Kühn erzählte aus seiner Soldatenzeit, wirft Fragen auf, sucht Antworten: wie es dazu kommen konnte, daß so viele Menschen Hitler vertrauten, unter welchen Umständen auch heute junge Leute extremistischen Ideen blind folgen würden...

So trafen sich im Emsland nicht nur Menschen verschiedener Nationen, sondern auch Generationen. Das Camp wird nächstes Jahr fortgesetzt.

Kurt Birr