Die erste Begegnung mit dem Schweizer Poeten, Musikanten, Kabarettisten und Geschichtensammler Franz Hohler ist mir nachdrücklich im Gedächtnis geblieben, da mich selten jemand mit einem Lied, genauer gesagt: dessen Refrain, so angerührt und umgekrempelt hat wie er mit seinem „Das habe ich selber gemacht.“

Da ist der Widerstand den Kindern nah, da wird für uns alle, die wir vom Kinderwagen bis zum Sarg gezählt, sortiert und verwaltet werden, fröhlich aufgetrumpft. Und zu allem führt der Meister auch noch vor, was er singt: Er begleitet sich auf einem selbstgemachten Instrument, einer Abart des Cellos, mit einem Klangkörper aus einer überdimensionierten Zigarrenkiste. Doch der unscheinbare Leib tönt, seine Klänge greifen ans Herz. Die Erscheinung des Musikanten nicht weniger: Hochaufgerichtet sitzt er auf einem Stühlchen, stolz und selbstvergessen, streicht über die Saiten, als striche er alles Ungemach und jede Gemeinheit aus, singt gegen die Fertigteil-Mentalität, die Computergesinnung unserer Welt an, inbrünstig und mit Laune: „Das habe ich selber gemacht.“

Ich hab’s ihm oft nachgesungen, vor allem dann, wenn mir das, was ich selber machte, mißlang.

Seit einigen Wochen jedoch beschäftigt mich ein anderes Hohler-Produkt, ein Buch, das er so gut wie nicht selber gemacht hat und das dennoch ganz und gar von ihm ist. Er suchte nämlich, denke ich mir, nach Geschichten (drei fand er bei sich selber), die in ihrer Machart ein wenig seinem Cello gleichen – Kleinst-, Kürzest-, Gegengeschichten-

Franz Hohler (Hrsg.): „III einseitige Geschichten“; Luchterhand Verlag, Darmstadt; 128 S., 20,– DM.

Unter „einseitig“ versteht Hohler natürlich nicht nur eines. Zum einen meint er das Prinzip, nach dem er streng auswählte; die Geschichten müssen auf eine Seite passen; da die Geschichten, zum andern, nach eben diesem Maß gemessen sind, erzählen sie auch einseitig, kommen sie ohne Umschweif zur Sache, reden nicht herum, sondern rein, ergreifen Partei für Thema, Gestalt oder Gegenstand. Am meisten verblüfft die Vielfalt in der Einseitigkeit; Einfälle und Tonfälle wiederholen sich so gut wie nie, und bei manchen Kürzestgeschichten vermutet der Leser eskonnte ein Roman in ihnen versteckt sein, der, sobald ihn die Phantasie erwärmt, aufgeht wie eine Wunderblume.

Aus Kenntnis und mit Liebe führt Hohler vor, daß es genuine Einseiten-Erzähler gibt. Johann Peter Hebel und Robert Walser vor allen andern. Natürlich Peter Bichsel, Reinhard Lettau und der so oft unterschätzte Günter Bruno Fuchs. Bertolt Brecht fehlt da ebensowenig wie Franz Kafka, und die Ungleichen berühren sich hier in ihrer grandiosen Einseitigkeit. Viele, die sonst ausschweifender erzählen, erfüllen überraschend das Hohler-Maß: Ludwig Fels und Christine Nöstlinger, Gerhard Meier, Urs Widmer und Erich Fried.