Von Michael Schwelien

Ach, wie schön einfach erschien doch alles vor unserer Abreise. Lisas Mutter hatte sich auf ihr bevorstehendes Staatsexamen vorzubereiten; wir beide, Vater und Tochter, waren nie länger als ein paar Stunden allein gewesen; und Lisa, jetzt nahezu zweieinhalb Jahre alt, brauchte wirklich nicht länger gestillt zu werden. Also machten wir uns auf den Weg zu unserer ersten gemeinsamen Ferienreise zu zweit.

Und noch etwas, eher unausgesprochen, veranlaßte mich, mit Lisa allein zu verreisen. Trotz aller Arbeitsteilung, um die wir uns, wie wohl die meisten Jungen, Paare: heute, bemühen, war Lisa im Zweifelsfall doch immer zu ihrer Mutter gelaufen. Konnte sie abends nicht einschlafen, dann mußte ihre Mutter her. Hatte sie "ein ganz großes Aua", dann verlangte sie nach ihrer Mutter, und selbst an Abenden, an denen sie nur ein paar Stunden allein mit mir verbrachte, fragte sie oft genug, die Fäuste gebieterisch in die Hüftchen gestemmt: "Wo’s Mama?"

Genüge ich ihr nicht? Bin ich ihr nicht genauso gut? Die Lasten tragen Väter und Mütter heute ja gemeinsam, doch die Früchte, jene innigen Blicke voller Zutrauen, jenes liebevolle Umschlingen mit den kurzen Ärmchen, die sind wohl doch den Müttern vorbehalten. Das war also ein weiterer Grund für die Reise: Ich wollte Lisa einmal ganz für mich haben.

Auf dem Flug von Hamburg nach Lanzarote kamen leise Zweifel. Der Abschied, aus Lisas Sicht ganz und gar ins Ungewisse, war ihr schwergefallen. Bedrückt hatte sie sich an die Glaswand gepreßt, die den Warteraum von der Abflughalle trennt. Sie wollte wieder zurück, auf die andere Seite, auf der ihre Mutter winkte. Würde diese Traurigkeit anhalten? Würde sie viel weinen auf der Reise? Würde sie schwer einschlafen? Es muß ja gar nicht viel passieren, um einen erholsamen Urlaub in einen quälenden Aufenthalt zu verwandeln, dessen Ende man herbeisehnt. Ein nörgelndes oder gar kränkelndes Kind ist kein Vergnügen.

Das waren meine Sorgen. Sie erwiesen sich sehr schnell als unbegründet. Nach dem Bordfrühstück schlief sie über zwei Sitze hingestreckt ein. Zum Einschlafen hatte ich ihr einfach ein Bilderbuch vor die Nase gehalten. Fünf Minuten später war sie ins Traumland gewechselt.

"Ist ja niedlich; die Kleine, wie sie da schläft", meinte die rundliche Dame auf dem Weg zur Toilette, um dann mit besorgtem Unterton zu fragen: "Und die Frau Mutter? Sie ist bestimmt schon vorausgereist?" Die Dame konnte es nicht fassen, daß wir allein reisten; "Ob das wohl gutgeht, ob das wohl gutgeht?", murmelte sie immer wieder.