Birgitta Arens und ihr Roman "Katzengold"

Von Rolf Michaelis

Lina stirbt." So der erste, so auch der letzte Satz im ersten Buch der 1948 geborenen Birgitta Arens, dem Roman "Katzengold". Zwischen den beiden Sätzen wird in 31 Kapiteln Linas Lebensgeschichte erzählt, die jedoch ständig übergeht in den Bericht vom Leben der Ich-Erzählerin.

So hat das Buch zwei Erzählerinnen: die in alten Dorfgeschichten, Märchen und Legenden lebende Großmutter vom Bauernhof im kargen Sauerland und die Enkelin, deren Lebensstationen (Schule, Schwesternhelferin, Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg, Studium) denen von Birgitta Arens gleichen. Und doch war dieser wunderbar gegliederte Roman mißverstanden als einer der modischen "Erfahrungstexte" oder als Autobiographie.

Denn um die Sache verwirrend zu machen, aber auch so schön und reich wie das Leben sein kann, erzählen in dieser autobiographisch allenfalls motivierten Phantasie keineswegs nur die beiden Frauen, deren kindlich-verschwörerhafte Zuneigung füreinander mit Liebe und Witz geschildert wird, sondern es wimmelt in diesem stilistisch funkelnden Buch auch von anderen Erzählern. Freundinnen und Nachbarn aus Linas Dorf werden in ihren sprachlichen oder gestischen Eigenheiten lebendig. Die Studenten der 68er-Bewegung in Münster stapfen mit ihren Revolutionsparolen ebenso anschaulich daher wie sich ihre Vorläufer, die Wiedertäufer um Knipperdolling, vierhundert Jahre früher, anmutig-ekstatisch im Reihen drehen. In versteckten Zitaten und Anspielungen raunt noch manch anderer historischer oder zeitgenössischer Erzähler mit. Auch die (nicht nur, aber auch aus der Bibel stammende) Taube oder (der aus dem "Struwwelpeter" kommende) "Fliegende Robert", die durch das Buch flattern, sind hier nicht nur Symbole für Glück, Freiheit, die utopische Kraft des Wünschens, sondern sie gewinnen auch, durch die Anschaulichkeit der Erzählung, durch die Kraft der bilderreichen Sprache, eigenes Gewicht als Figuren dieses Romans –

Birgitta Arens: "Katzengold", Roman; Piper Verlag, München, 1982; 222 S., 29,80 DM.

"Lina stirbt": Der Ausgangssatz für "Katzengold" erinnert an den Titel eines anderen Erstlingsbuches in diesem Sommer, "Josef stirbt", von der bisher als Schauspielerin bekannten Ulla Berkewicz (bei Suhrkamp), weckt vor allem die Erinnerung an Samuel Becketts großen Roman "Malone stirbt" (1951). Ulla Berkéwicz erzählt, wie eine Tochter heimkehrt, um die letzten Tage im Haus, am Bett dem sterbenden Vater nah zu sein. Den Tod des (Groß-)Vaters dokumentieren in eindringlich knappen Texten und mit (in ihrer friedlichen Stille) ergreifenden Aufnahmen Kinder und Enkel in dem eben erschienenen Band von Mark und Dan Jury: "Gramp – Ein Mann altert und stirbt" (Verlag Dietz, Bonn; 158 S., Abb., 29,80 DM).