Es könnte ein Kommentar zur aktuellen Situation der SPD sein. „Wenn die Darlegung sozialdemokratischer Politik in der Gesellschaft ersetzt würde durch einen Rückzug der SPD in ausschließlich innerparteilichen Streit, in Flügelkämpfe, mit der irrigen Vorstellung, es genüge zur Darstellung sozialdemokratischer Politik, eine sozialdemokratisch geführte Regierung zu haben, so wäre die Politik der SPD gescheitert, mit schlimmen Folgen für unsere Wählbarkeit.“ Aber die Warnung ist bald zehn Jahre alt: Sie steht in einem Gutachten, das der fränkische SPD-Vorsitzende Bruno Friedrich Ende 1973 dem SPD-Parteivorstand vorlegte.

Daran wird deutlich, daß es den gegenwärtigen Auseinandersetzungen in der und um die SPD an einer Dimension gebricht: Die Probleme, die die Partei heute umtreiben, haben ihre Vorgeschichte. Es mag sein, daß die Lage noch nie so ernst war wie heute, doch dieser Ernst hat sich lange genug angekündigt. Wer sehen wollte, konnte es sehen, seit dem Beginn der siebziger Jahre – längst bevor es die Grünen gab, in denen manche die Ursache des SPD-Dilemmas von heute sehen, lange auch, bevor Arbeitslosigkeit und Finanzklemme die SPD als Regierungspartei in die Defensive trieben.

Friedrich, langjähriger Bundestagsabgeordneter und stellvertretender Fraktionsvorsitzender in Bonn, heute Europa-Abgeordneter, könnte im übrigen auch in Anspruch nehmen, schon vor gut eineinhalb Jahrzehnten auf jene Stelle hingewiesen zu haben, an der die gegenwärtigen Entwicklungen die SPD am meisten schmerzen. Mitten in den sechziger Jahren, als die Partei sich gerade anschickte, die Bastionen der Macht zu erklimmen, prophezeite er, daß die politische Mitgliederpartei der SPD gerade in den Großstädten nicht überleben werde, wenn es ihr nicht gelinge, sich auf den Wandel der Lebensformen einzustellen, der sich dort zuerst abzeichne. Das mag zu sehr auf organisatorische Fragen im engeren Sinne bezogen gewesen sein, um als Voraussage des heutigen Zustandes der SPD gelten zu können. Aber wahr ist, daß die Krise der SPD heute nirgendwo so zum Exempel wird wie in ihrem Machtverlust in den Großstädten, ihren einstigen Hochburgen.

Dabei mag die Prognose, mit der der Kölner Sozialwissenschaftler Manfred Güllner die Sozialdemokraten unlängst aufgescheucht hat, noch als allzu spekulativ bezweifelt werden: Sie sagte den nordrhein-westfälischen Sozialdemokraten bei gleichbleibenden politischen Rahmenbedingungen den Verlust sämtlicher Großstädte bis auf Herne voraus. Doch die Großstadt-Wahlergebnisse der letzten Jahre, auf die Güllner sich stützt, sind alles andere als Legende. Unanfechtbar in ihrer deprimierenden Eindeutigkeit sind vor allem die Mitgliederverluste, die die SPD in den Großstädten im letzten Jahrzehnt erlitten hat. Es handelt sich da nicht nur um Städte wie München oder Frankfurt, die es wegen inner-sozialdemokratischer Streitigkeiten zu traurigem Ruf gebracht haben. Es betrifft nahezu alle Großstädte mit Ausnahme der im Ruhrgebiet. In ihnen hat die SPD von Bremen über Düsseldorf bis nach Hannover seit der ersten Hälfte der siebziger Jahre zwischen acht und knapp zwanzig Prozent der Mitglieder verloren.

Eine solch tiefe Verwerfung in der politischen Landschaft ist kaum mit dem Verweis auf diesen politischen Mißgriff und jene soziale Belastung zu erklären, und auch der Hinweis auf das „Erscheinungsbild“, der ansonsten bei der SPD vieles begreiflich macht, reicht nicht aus. Erklärungsversuche müssen wohl tiefer, bei der Veränderung von Einstellungen und Verhaltensmustern, ansetzen.

Güllner selbst hat geltend gemacht, daß der anspruchsvollere, individualistischere Lebensstil, der sich gerade in den Städten auch in der neuen Mittelschicht ausbildender SPD das Wasser abgrabe; der soziale Wandel, den nicht zuletzt die SPD bewirkt und beschleunigt hat, wende sich nun gegen sie. In die gleiche Richtung geht auch die These des westfälischen CDU-Vorsitzenden Biedenkopf, in der Bundesrepublik sei eine „neue Mehrheit“ gegen die SPD entstanden. Der bisherige „kleine Mann“, so Biedenkopf, sei „groß“ geworden, habe nun eher „bürgerliche“ Interessen und sei deshalb der SPD entwachsen. Aber auch wenn das richtig ist, bleibt doch die Frage, weshalb diese Bedürfnisse und Interessen nicht mehr bei der SPD Unterschlupf finden sollen. Schließlich waren es seinerzeit gerade die Aufsteiger, der „neue Mittelstand“, der die SPD Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre zur Regierungspartei machte.

Aber was ist die SPD heute? Wer ist die SPD? Selbst das ist unklar geworden. Daß erstmals zwei Partei-Organisationen – der Bezirk Franken und der Landesverband Nordrhein-Westfalen – präzise zu ermitteln versucht haben, wie die Partei im Innern ihrer Orts vereine und Gliederungen beschaffen ist, zeugt von mehr als einem Tribut an die sozialwissenschaftliche Neugierde. Darin offenbart sich ein Stück der Unsicherheit der SPD über sich selbst. Freilich sind die Ergebnisse dieser Untersuchung oder das, was über sie bisher bekannt geworden ist – denn die nordrhein-westfälische Analyse ist bislang nicht veröffentlicht – kaum geeignet, dieser Unsicherheit abzuhelfen.