Von Christian Schmidt-Häuer

Es geschah im Jom-Kippur-Krieg am 24. Oktober 1973. Um 23.41 Uhr erhöhte Washington die Abwehrbereitschaft auf Def-Con III (Defense Condition, Stufe 3). Zwei Stunden zuvor hatte der sowjetische Parteichef Breschnjew den Amerikanern über Telephon vorgeschlagen, daß die sowjetischen und amerikanischen Streitkräfte eine umfassende Friedensregelung im Nahen Osten erzwingen müßten. Notfalls würde Moskau auch "einseitig geeignete Schritte" unternehmen, so kündigte Breschnjew an: "Wir können die Willkürakte Israels nicht zulassen." Den Amerikanern erschien das als Ultimatum. Dieser Eindruck wurde noch dadurch unterstrichen, daß die Sowjets immer mehr Flotteneinheiten im Mittelmeer zusammenzogen – so viele wie noch nie zuvor. Als Washington die Herausforderung annahm, steckte Moskau zwar zurück – aber für Stunden war die Welt ein Stück näher an den Rand des Krieges gerückt.

Diesmal, in der Libanon-Krise, haben die Sowjets nicht einmal herausfordernde Erklärungen abgegeben – und erst recht nicht Flagge gezeigt. Im Gegenteil: Als die israelischen Belagerer den Gürtel um Westbeirut immer enger zogen, dampften Einheiten der Sowmetron (Nato-Bezeichnung der sowjetischen Mittelmeer-Eskadra) zu Flottenbesuchen nach Luanda und Lagos. In allen offiziellen Stellungnahmen, die Moskau bisher abgegeben hat – in Breschnjews beiden Botschaften an Präsident Reagan, in der Tass-Erklärung vom 7. Juni, in der Regierungserklärung vom 14. Juni und in Breschnjews Prawda-lnterview vom 21. Juli – werden keine konkreten Maßnahmen angekündigt. Jede Andeutung von Gegenreaktionen zum Schutz der Palästinenser fehlt. Moskaus Pakt mit Syrien ist nirgends erwähnt worden; von Hilfe für den Fall, daß israelische Einheiten die syrische Grenze überschreiten, ist nirgends die Rede.

Breschnjews Prawda-Interview machte besonders deutlich, daß der Kreml der Libanon-Krise ratlos gegenübersteht und vorrangig an ihrer Entschärfung interessiert ist. Gegenüber früheren Stellungnahmen hat der sowjetische Parteichef die Notwendigkeit eines "Disengagements" und den Einsatz von UN-Truppen voll anerkannt: "Wir sind nicht dagegen, daß als erster Schritt eine Truppenentflechtung zwischen den Verteidigern Westbeiruts und den israelischen Truppen erfolgt. Dazu könnten UN-Truppen eingesetzt werden.

An diese Feststellung hat Breschnjew gleich die größte Sorge Moskaus geknüpft: "Natürlich werden wir uns auch künftig kategorisch gegen eine Präsenz amerikanischer Truppen auf libanesischem Boden wenden." Gemessen an Breschnjews Drohbrief, den Washington in der dramatischen Oktobernacht des Jom-Kippur-Krieges als Ultimatum verstand, klingt das vage, fast hilflos. Mehr noch: Breschnjews Botschaften von Anfang Juli und vom vergangenen Wochenende können sogar als eine widerstrebend eingestandene Befürwortung der amerikanischen Vermittlungsversuche gelten. Beide Male hat der sowjetische Parteichef den amerikanischen Präsidenten in fast wörtlicher Übereinstimmung aufgefordert, "dringend von den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten Gebrauch zu machen, um der fortdauernden Vernichtung von Menschen in Beirut ein Ende zu setzen".

Wie vorsichtig die Sowjetunion reagiert – trotz ihrer umfangreichen Waffenlieferungen und trotz der engen Beziehungen zu Äthiopien, Libyen, Südjemen und Syrien –, hat sich auch in Beirut selbst gezeigt. Die Israelis konnten der Welt keinen einzigen gefangenen Russen oder Osteuropäer präsentieren, so viele Palästinenser und PLO-Verdächtige sie auch abführten. In Moskau blitzte der Leiter der politischen Abteilung der PLO, Farouk Kaddoumi, Anfang Juli bei Außenminister Gromyko mit dem Wunsch ab, daß die Sowjetunion einen härteren Standpunkt zur Libanon-Krise einnehmen möge.

Zu den wichtigsten Gründen für die Zurückhaltung der Sowjetunion zählen: