Das Kreditgewerbe zählt zu den wenigen Branchen, die im Krisenjahr 1982 mit deutlichen Gewinnsteigerungen aufwarten. Aber geht es den Banken deshalb wirklich gut?

Die Halbjahresberichte großer deutscher Banken scheinen das alte Vorurteil zu bestätigen, wonach das Kreditgewerbe immer dann, wenn es der Wirtschaft schlecht geht, die besten Geschäfte macht. In Zeiten knappen Geldes, so heißt es, diktieren die Banken die Konditionen.

Die Dresdner Bank – so meldet ihr Vorstand stolz – erzielte in den ersten sechs Monaten dieses Jahres den bisher höchsten Betriebsgewinn für ein Halbjahr. Bei der Commerzbank ist das sogenannte Teilbetriebsergebnis um rund 50 Prozent gestiegen, bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank sogar um knapp 55 Prozent. Die Deutsche Bank fällt wie immer aus dem Rahmen. Sie kann "nur" mit einer Steigerung des Betriebsergebnissses um knapp 20 Prozent aufwarten. Aber was heißt das schon, wenn die Bank – im Gegensatz zu ihren Großbank-Konkurrenten – im Gegensatz zu ihren Großbank-Konkurrenten – ihre Ertragsstärke kontinuierlich und ohne Rückschläge ausgebaut hat.

Dort, wo heute sensationelle Gewinnsteigerungen gemeldet werden, ist in der Vergangenheit schwer gesündigt worden. Falsche Zinsbeurteilungen rissen große Löcher in den Ertragsrechnungen. Sie konnten zum Teil nur durch Substanzvergen. geschlossen werden. Die Commerzbank-Ackauf mußten sogar auf Dividenden verzichten, die der Dresdner Bank und der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank hatten Kürzungen in den Ausschüttungen hinzunehmen. Die Fehler der Vergangenheit wirken im übrigen noch fort und werden erst in den kommenden Jahren voll getilgt sein.

Die Super-Gewinnsteigerungen verlieren aber noch aus einem anderen Grunde ihren Glanz. Sie sagen nämlich noch nichts darüber aus, was davon für die Banken am Jahresende als wirklicher Gewinn übrigbleiben wird. Alle Banken sprechen von der Notwendigkeit hoher Risikovorsorge. Dank ihrer auch in den vergangnen Jahren ungeschmälerten Ertragskraft ist die Deutsche Bank den anderen Instituten auch hier um mehrere große Schritte voraus. Allein 1981 hat sie ihrem Risikopolster knapp eine Milliarde Mark zuführen können, während andere Banken das Risikobewußtsein eher an ihrer Ertragslage ausrichten mußten. Mit der Folge, daß dort noch ein beträchtlicher Nachholbedarf besteht. Deshalb ist es unwahrscheinlich, daß die Aktionäre die verbesserte Ertragslage bei ihren Dividenden spüren werden.

Wie nüchtern die Gewinnmeldungen an der Börse beurteilt werden, macht ihre geringe Reaktion in der Kursentwicklung der Bankaktien deutlich. Für bedeutsamer wird gehalten, wie die Banken mit den beiden großen Risiken AEG-Telefunken und Polen fertig werden. Sowohl die Commerzbank als auch die Dresdner Bank haben durchblicken lassen, daß sie Vorsorge für den Fall getroffen haben, daß es bei AEG-Telefunken nun doch noch zum Schlimmsten kommt. Im Falle der Polen-Kredite wird offensichtlich – wie schon 1981 – eine Lösung angestrebt, die eine volle Wertberichtigung der ungesicherten Kredite nicht unbedingt erforderlich macht. Aber die Verhandlungen stehen erst an ihrem Anfang. Die Polen verhandeln aus der starken Position eines Schuldners heraus, bei dem selbst nichts mehr zu holen ist, der aber weiß, daß sein "Bankrott" die Gläubiger in größere Schwierigkeiten bringen wird als ihn selbst.

Es sind nicht nur die Großrisiken, mit denen sich die Banken herumzuschlagen haben. In der Bundesrepublik rollt eine Konkurswelle im Bereich der mittelständischen und kleineren Betriebe. Nicht immer können sich die Kreditinstitute dabei von Schäden freihalten, auch wenn ihr Risikobewußtsein gerade in diesem Bereich besonders ausgeprägt ist, vielleicht mehr als bei den großen Kunden.

Das Bankenjahr 1982 wird deshalb mit Sicherheit nicht auf der Ertragsseite entschieden, wenngleich es wichtig ist, daß sie "in Ordnung kommt". Ausschlaggebend ist die Fähigkeit, für die immer noch wachsenden Risiken im ausreikommt". Maße vorsorgen zu können. Möglicherweise werden dazu die "stolzen" Betriebsgewinne nicht einmal ausreichen. Deshalb ist es durchaus legitim, wenn sich zum Beispiel der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Walter Seipp, jetzt schon Gedanken darüber macht, wie sich gegebenenfalls noch "totes Kapital", im wesentlichen Immobilien, mobilisieren läßt. Kurt Wendt