Eine Entgegnung auf Horst Albert Glaser

Von Hermann Granzow

Erstens: Welch eine schlimme Neigung zur Schuldzuweisung. Weil ein Essener Professor findet, daß seine Studenten nicht genug lesen, hat „die Bildungspolitik der siebziger Jahre alles und sich selbst überrundet. Anfang der achtziger Jahre ist zu konstatieren, daß diejenigen einer Generation, die studieren, mehr sind als diejenigen, die regelmäßig Bücher lesen.“ Da ich Philologe bin, erlaube ich mir den Hinweis: So kann nur ein Philologe argumentieren. Selbst wenn es wahr wäre, daß nicht jeder Student regelmäßig liest, kann er ein guter Student sein – zum Beispiel in der Medizin oder Architektur oder Musik. Der Glaube an die Kraft des Buches wäre überzeugender, wenn man zu den Inhalten des Studiums vordränge.

Was die angebliche Lesefaulheit nun gar noch mit der Bildungspolitik der siebziger Jahre zu tun haben soll, ist mir unerfindlich. In der Regel wird „den Bildungspolitikern“ eher ein Übermaß an kognitiven Inhalten, ein Mangel an Praxis und „Anfaßbarkeit“ vorgeworfen. Daß sie die Leute vom Lesen abhalten, wird wohl schon durch die Umsätze der Schulbuchverlage und auch der wissenschaftlichen Verlage widerlegt. Freilich ist der nicht zu tadeln, der aus Zeit- oder Geldmangel aus einem 500-Seiten-Opus die zehn wichtigsten photokopiert, denn die Redundanz gerade in den Geisteswissenschaften ist unverändert groß.

Zweitens: Das Gros der Studenten, das heute für Literatur und Literaturwissenschaften eingeschrieben ist, „studiert diese aus Verlegenheit, aber nicht aus Neigung“. Sehr richtig, Herr Professor; das war aber auch schon vor den siebziger Jahren so. Ich habe in den fünfziger Jahren Germanistik und Slawistik in Leipzig und Bonn studiert; für die Slawistik möchte ich bei den wenigen Studenten jener Zeit noch Neigung unterstellen, bei den Germanisten war es schon damals weithin ein Verlegenheitsstudium.

Die Verlegenheit konnte nur gemindert werden durch Hochschullehrer, die verstanden, aus der Literatur Funken zu schlagen, die auch den Verlegenheitsstudenten erleuchteten. Das ist immerhin in vielen Fällen gelungen. Trotzdem: Viele absolvieren überhaupt ein Studium aus Verlegenheit, in den Rechtswissenschaften oder Wirtschaftswissenschaften nicht weniger als in den Geisteswissenschafen. Man sollte als Professor der Literaturwissenschaften nicht beleidigt sein, wenn die Masse der Studenten das Fach nicht so liebt wie man selbst. Man sollte allerdings betroffen sein, wenn die Masse der Studenten, wie Sie es beschreiben, gleichgültig und ohne Motivation ist.

Drittens: Damit komme ich zum Thema Herz oder besser gesagt Barmherzigkeit. Ihr Artikel strömt Kälte aus. Sie sagen nicht ohne Recht: „Es muß eine Nebenwirkung der Jugendarbeitslosigkeit sein und kann keine Bildungswerbung sein, wenn die Jahrgangsquote der Studierenden steigt und steigt.“ Ich habe selbst öffentlich vor der Gefahr gewarnt, daß unsere Hochschulen zu Wartesälen einer Gesellschaft werden, die nicht genügend Arbeitsplätze anbieten kann. Aber wenn es so ist, wäre ein bißchen mehr Zuwendung gegenüber diesen Studenten, ein bißchen mehr Verständnis für ihre resignative Stimmung wichtig; oft wichtiger als ein dickes Buch.