Von Wolfgang Röhl

Sind wir hier schon in Rußland?“ will meine Begleiterin wissen. Gute Frage. Als wir in Mikkeli ausdrücklich eine „abgelegene“ Hütte verlangten, konnten wir nicht ahnen, was man darunter in Finnland versteht. Seit 20 Minuten kurvt unser Transferboot durch ein verwirrendes Labyrinth von Seen, Buchten, unbewohnten Inseln. Keine Menschenseele, so weit das Auge reicht. Auf einem der dichtbewaldeten Felseneilande soll die Hütte liegen.

Uns dämmert ein fataler Gedanke. Nie und nimmer werden wir aus eigener Kraft den Rückweg zum Uferparkplatz finden, wo unser Auto wie eine Stecknadel im Heuhaufen steht. Und die mitgeführte Verpflegung reicht bestenfalls für drei Tage.

Als wir endlich auf Vattusaaret anlegen, herrscht in der Sauna bereits eine höllische Hitze. Der Vermieter des einzigen Blockhauses auf der winzigen Privatinsel geht selbstverständlich davon aus, daß wir sofort in die nordische Folterkammer stürzen werden.

An Hand einer betagten Seekarte erklärt er uns den Rückweg zur Zivilisation. Ganz einfach: erst mal zwei Meilen nach Nordwesten, dann links um die und rechts um jene Insel (nein, um die nicht!), vorbei an Insel soundso und zwischen zwei anderen hindurch (Vorsicht, Untiefen!), dann scharf links und gleich wieder rechts in die Bucht usf. Alles klar? Wir nicken betreten. Der sorglose Mann (seine Miete hat er schon) wünscht einen schönen Urlaub und jagt mit dem Speedboat davon, uns einen altersschwachen Holzkahn mit Sechs-PS-Außenborder hinterlassend.

So ist das in Finnlands Saimaa-Seengebiet. Nix mit Nummer Neckermann. Etwas Sisu erwarten die Nordlichter auch von ihren Gästen. Sisu, das ist ein urfinnischer Charakterzug, der für Ausdauer, Zähigkeit, verbissene Energie (auch Sturheit) steht. Eigenschaften, die im rauhen, dünnbesiedelten Norden auch heute noch durchaus nützlich sind.

Uns gelingt es unter Aufbietung aller verschütteten Sisu-Reserven tatsächlich, das Auto wiederzufinden. Gerettet. Beim Einkaufen im verschnarchten Städtchen Antola ist schon wieder Sisu gefordert. Wo, bitte, geht’s zum nächsten Alko-Laden? In Antola jedenfalls nicht, erfahren wir, aber im 40 Kilometer entfernten Mikkeli.