Die Zeit arbeitet für Jaruzelski, die Polen werden apathischer, der Regierungssprecher lobt die innere Ruhe – solche Meldungen kamen zuletzt häufiger aus Warschau. Eine Stimme aus dem Jenseits des polnischen Untergrunds hat nun krächzend verkündet, daß die Geister keineswegs gebannt sind. Der Warschauer Solidarność-Vorsitzende Bujak rief von einem versteckten Kassettenrecorder mehr als 10 000 Menschen auf dem Powazki-Friedhof zum friedlichen Kampf der Gewerkschaften gegen das Kriegsrecht. Das Gedenken an den Warschauer Aufstand vom Sommer 1944 wurde zum Auftakt der oppositionellen Aktionen zum zweiten Jahrestag des Danziger Abkommens, das die Solidarność legalisierte.

Wird der August in Polen wieder heiß? Die Verschiebung des Papstbesuches hat der freiwilligen Zurückhaltung ein Ende gesetzt, hat die kirchliche Basis noch mehr radikalisiert. Zur enttäuschten Hoffnung auf mehr Freiheit gesellt sich immer mehr soziale Empörung, weil Kinder wegen ausfallender Geräte auf den Operationstischen sterben, weil Flechten und Ekzeme zur Volkskrankheit werden, weil sich die Ernährungsgrundlage immer mehr verschlechtert.

Um Schlimmeres zu verhüten, will Jaruzelski kein Schreckensregiment führen, das alle Ventile abdreht. Er sucht Verständigung – aus wirtschaftlicher Not. Aber er behandelt das Volk weiter unmündig – aus politischer Not. Dieser Widerspruch birgt nur ein Quentchen Hoffnung, aber viel Spannung – auch für diesen August. C. S.-H.