Diese Geschichte von Christoph Columbus kann noch so oft korrigiert werden, sie lebt weiter, weil sie so eingängig ist. Deswegen wird sie immer wieder erzählt, sogar in Schulbüchern, nämlich wie Columbus vom portugiesischen König und dessen Ratgebern ausgelacht und verhöhnt worden sei, als er sie (im Jahre 1483) für seinen Plan gewinnen wollte, von Portugal aus westwärts über den Atlantik nach Indien zu segeln, was möglich wäre, weil die Erde eine Kugel sei. Da lachten der König und seine Minister, heißt es. Die Erde eine Kugel? Sie waren sicher, einen Narren vor sich zu haben.

Auf das gleiche Unverständnis sei Columbus dann am Hof der Katholischen Majestäten, des Königspaares von Aragón-Kastilien, gestoßen. Auch da habe sich – jedenfalls zunächst – niemand die Erde als Kugel vorstellen können. Alle seien noch befangen gewesen in jenem mittelalterlichen Weltbild, in dem die Erde als große Scheibe gedacht wurde, von dessen Rand sich die Seefahrer tunlichst weit genug entfernt halten sollten, um nicht plötzlich ins Nichts zu stürzen. Columbus sei eben seiner Zeit weit voraus gewesen und – Schicksal so vieler Genies – von den dummen Zeitgenossen verkannt worden, bis er schließlich durch die Praxis ihren Irrtum widerlegte.

Aber so war es nicht. Eher im Gegenteil: Columbus befand sich in einem Irrtum, während seine Kritiker zu Recht skeptisch waren. Die Kugelgestalt der Erde – schon in der Antike berechnet und nur vorübergehend in Vergessenheit geraten – war zu jener Zeit keine Frage mehr. Nein, der Streit, zu dem es zwischen Columbus und den Experten am portugiesischen Hof kam, den Experten aus der Schule Heinrichs des Seefahrers, die auf der Höhe des geographischen Wissens jener Zeit standen, ging um die Große der Erdkugel und damit um die wahrscheinliche Entfernung zwischen Portugal und Westindien beziehungsweise China.

Nach dieser Entfernung hatte Johann II. von Portugal schon 1474 (als er noch Infant war) den in Florenz lebenden Arzt Paolo del Pozzo Toscanelli fragen lassen, der einen großen Ruf als Mathematiker und Kosmograph hatte. Toscanelli hatte am 25. Juni 1474 geantwortet, der Weg über den Atlantik müsse kürzer sein als der um Afrika herum, den die Portugiesen suchten. Einige Zeit später wandte sich auch Columbus an Toscanelli, und er erhielt die gleiche Antwort, nämlich eine Abschrift des ausführlichen Briefes von 1474. Zusätzlich machte Toscanelli jetzt noch die Angabe, daß die Entfernung von Lissabon über den Atlantik nach China „nahezu ein Drittel des Erdumfangs“ betrage; „der Weg ist nicht nur möglich, sondern wahr und sicher“, fügte Toscanelli hinzu.

Was das letztendlich bedeutete, hing vom Umfang der Erde ab. Über ihn aber waren Columbus und Toscanelli verschiedener Meinung. Toscanelli nahm in etwa den richtigen Erdumfang an, den schon der griechische Gelehrte Eratosthenes, der im 3. vorchristlichen Jahrhundert der berühmten Bibliothek von Alexandria vorstand und sich vor allem mit Astronomie und Geographie befaßte, auf 39 690 Kilometer berechnet hatte (richtige Zahl: 40 075). Einige Jahrhunderte nach ihm, im 2. Jahrhundert n. Chr., kam der ebenfalls in Alexandria lebende Geograph C. P. Ptolemäus bei seiner Berechnung des Erdumfangs auf nur 28 350 Kilometer. Und auf diese falsche Zahl stützte sich Columbus.

Es sieht ganz so aus, als ob Columbus, der ja für sein Unternehmen Geldgeber suchte und es deswegen als realisierbar darstellen mußte, die Entfernung von Lissabon nach China absichtlich zu kurz schätzte. Denn während Toscanelli sie mit einem Drittel des Erdumfangs angab, was 120 Grad bedeutete, sprach Columbus (ohne irgendwelche Gründe anzuführen) von nur 78 Grad. Aber schon Toscanelli unterschätzte die Entfernung bei weitem; heute wissen wir, daß sie nicht nur ein, sondern gut zwei Drittel des Erdumfangs beträgt, nämlich 229 Grad. Und dieser zweifache Fehler wurde nun noch weiter vergrößert, weil Columbus bei seinen Berechnungen einen viel zu kleinen Erdumfang zugrunde legte. Dadurch errechnete er den Abstand von einem Längengrad zum andern am Äquator mit 83,36 Kilometer, während er in Wirklichkeit 110,56 beträgt.

Daß die ja alles entscheidende Frage der Entfernung bei den Überlegungen der portugiesischen Experten und des Kronrats eine wesentliche Rolle spielte und (neben den übertrieben hohen Forderungen des Christoph Columbus) zur Ablehnung des Projektes führte, ist zwar nicht überliefert, doch ist dies in hohem Maße wahrscheinlich. Denn just zu jener Zeit schickte König Johann II. Astronomen in die Äquatorzone, mit dem besonderen Auftrag, dort Längenmessungen zur Errechnung des Erdumfangs durchzuführen. Offenbar wollte der Konig nun; genau wissen.