Von Gerhard Seehase

Morgens um sechs Uhr waren sie durch ein Trompetensignal geweckt worden. Und nun standen sie in Reih und Glied vor den abgetretenen Steinstufen des altehrwürdigen Rathauses. Seriöse Herren im schwarzen Anzug, die rote Rose im Knopfloch, den Zylinder auf dem Kopf. Einige trugen Gewehr, den Lauf entschärft durch einen Blumenstrauß. Und die Fahnen-Kompanie war beim Kommando „Stillgestanden“ dem Tango wesentlich näher als dem Marsch.

Die „Plöner Schützengilde von 1621“ war angetreten. Auftakt zum Vogelschießen. Seine Majestät der Schützenkönig, ein Autohändler mit breiter Brust, schritt die Front der Gildebrüder ab. Zum letztenmal in seiner einjährigen Amtszeit. Denn am Abend, nach dem Vogelschießen, würde ein anderer „König“ sein. Der Apotheker vielleicht, der örtliche Baulöwe, der Malermeister?

Auf jeden Fall einer, von dem man erwartete, daß er die schwere Würde der Königskette tragen könnte, ohne die leichte Hand beim Griff ins eigene Portemonnaie vermissen zu lassen.

„Eine Runde Köm und Bier für alle ist schnell ausgegeben“, sagte Jürgen Rahnenführer, Ex-König 1980/81, ein leibhaftiger Oberstleutnant der Bundeswehr. „Ich schätze, daß ich während meiner Amtszeit als Schützenkönig so zwischen 8000 und 10 000 Mark aus der eigenen Tasche gezahlt habe. Damit muß man rechnen, auch wenn es offiziell keiner verlangt.“

Als Gegenleistung wird den Schützenkönigen eine erhöhte Wertschätzung in der kleinstädtischen High-Society garantiert. Denn schließlich dürfen sich auch die Frauen der „Könige“ eine Krone aufs Haupt stülpen. Und so was trägt sich unsichtbar mit, wenn man zum Einkaufen geht oder zum Friseur.

Vogelschießen in Plön. Es könnte so ähnlich auch in Ruhpolding ablaufen, oder in Bernkastel. Und trotzdem, das „deutscheste“ aller deutschen Provinzfeste ist so einfach gar nicht zu begreifen, wenn man nicht gerade selbst in der Provinz zu Hause ist.