Am 9. Juni hebt irgendwo in Israel eine gedrungene Turboprop-Maschine ab und nimmt gemächlich Kurs aufs Mittelmeer. Ein sanfter Schwenk führt sie nach Norden. Auf der Höhe der libanesischen Küste, vielleicht 100 oder 200 Kilometer vom Festland entfernt, scheint sie ihr Ziel vergessen zu haben. Stundenlang zieht sie scheinbar sinn- und planlos ihre weiten Bögen über dem Meer.

In diesen Stunden entscheidet sich der Luftkrieg über dem Libanon. In Syrien sind 60 Jäger aufgestiegen, um – so die Schätzung aus Damaskus – 90 israelische Kampfflugzeuge zu stellen und zu vernichten. Das Duell endet mit einer beispiellosen Niederlage der Syrer: Sie verlieren 29 Flugzeuge, die Israelis kein einziges. In den beiden folgenden Tagen steigen ihre Verluste auf 81, die der Israelis bleiben bei Null.

Der eigentliche Sieger dieses Drei-Tage-Krieges ist die unscheinbare Propellermaschine in der Warteschleife. Sie würde kaum auffallen, trüge sie nicht auf ihrem altmodischen Rumpf einen pilzartigen Fortsatz, eine Scheibe von acht Metern Durchmesser. In dem Diskus kreisen zwei Radar-Antennen im Zehn-Sekunden-Rhythmus. Die eine „sieht“ bis weit hinter Damaskus, die andere „verhört“ anfliegende Objekte und unterscheidet Freund und Feind.

Im fensterlosen Bauch der E-2C Hawkeye („Habichtsauge“), im stumpfen Rotlicht der Kabinenbeleuchtung, sitzen drei Spezialisten der israelischen Luftwaffe vor drei identischen Bildschirmen. Die linke Hand spielt über der Computertastatur, die rechte markiert mit einem elektronischen Lichtstift bläuliche Geisterlinien auf dem Schirm. Es ist ein „Pac-Man“-Spiel mit tödlichem Ausgang.

Denn die bizarren geometrischen Figuren auf dem Schirm, symbolisieren echte Flugzeuge. Die Leuchtstiftspur verbindet Jäger und Gejagten, F-15 mit MiG-23. In diesem Moment erhält der Computer der israelischen F-15 vom Computer der E-2C nicht nur den Befehl zur Attacke, sondern auch alle Schlüsseldaten: Angriffskurs, Angriffswinkel, dann das Feuersignal. „Hufeisen“ (F-15) geht auf Kollisionskurs mit „Dreieck“ (MiG). Doch der Aufprall findet nicht statt. Plötzlich ist „Dreieck“ verschwunden – abgeschossen.

Die Israelis besitzen vier Hawkeye zum Stückpreis von 33 Millionen Dollar. Jede kann gleichzeitig über 150 fliegende Ziele erfassen und identifizieren, dann den Angriff der eigenen Jäger koordinieren – das Ganze sechs Stunden lang und innerhalb eines Überwachungsraumes von 12 Millionen Kubikkilometern. Die mörderische Treibjagd entwickelt sich freilich erst im Zusammenspiel mit den EW-Boeing 707 der israelischen Luftwaffe (EW steht für electronic warfare, „elektronische Kriegführung“).

Der Luftkampf über dem Libanon wäre kaum zum Scheibenschießen degeneriert, wenn es die Israelis nicht geschafft hätten, die syrischen Piloten elektronisch zu blenden. Während die Israelis das gesamte Schlachtfeld per Video im Visier behielten, flogen die Syrer blind und taub: Die Störkanonaden der EW-Boeing blockierten Radar und Radio. Im elektronischen Blackout erkannten die Syrer weder Ziel noch Zerstörer.