Von Rolf Zundel

Bonn, im August

Der Kontrast ist einigermaßen erstaunlich. Wer die Erklärungen der Opposition einschließlich vieler Zeitungskommentare Revue passieren läßt, muß glauben, ein schwer beschädigten Kanzler habe sich in die große, weite Welt davon gemacht, bis zu den Eskimos im hohen Norden Kanadas, oder er habe in den Vereinigten Staaten weltpolitische Kollegs inszeniert, um von seiner bedrängten innenpolitischen Lage abzulenken – ein Kanzler auf der Flucht vor der Realität. Wer den Kanzler begleitet hat, erlebte zwar einen Helmut Schmidt, der es sichtlich genoß, des Bonner Systems der "kleinen Karos" ledig zu sein und mit Leuten von "Kaliber" über die großen Fragen der Zeit zu reden, aber das war gewiß nicht nur die Fortsetzung der Innenpolitik mit anderen Mitteln.

Helmut Schmidts Leidenschaft, in weltpolitischen Kategorien zu denken, bedurfte nicht der Nachhilfe. Und beschädigt wirkte sein Selbstgefühl ganz und gar nicht, ob er nun den Geschäftsleuten in Houston die Lektion verpaßte, es sei nicht genug, als Privatmann Geld zu verdienen; mit der wirtschaftlichen Größe wachse die politische Verantwortung, oder ob er einem verdutzten Beamten aus Ottawa erklärte, wie und mit welcher Politik Kanada in wenigen Jahrzehnten die Spitze des industriellen Fortschritts erreichen könnte.

Dieser weltpolitische Maßstab bietet manche Vorteile. Die Lage der Bundesrepublik, in der Binnenansicht ziemlich miserabel, nimmt sich in der Vogelschau, vermessen nach allen wichtigen wirtschaftlichen Daten, immer noch höchst respektabel aus. Der internationale Vergleich, den hierzulande niemand mehr hören mag, wird dem Kanzler draußen geradezu aufgedrängt und erhält wieder Frische und Überzeugungskraft.

In der Innenpolitik ist das Bild des Kanzlers durch die Frage verunstaltet: Wie lange macht er’s noch? Auf der internationalen Bühne wird davon fast nichts spürbar. Und dies läßt sich nur zu einem Teil mit der Höflichkeit der Gastgeber erklären. Schmidt ist, daran ändern auch die Wackeleien in Bonn nichts, eine herausragende Figur des internationalen Establishments, an Dienstjahren wie an Kompetenz.

Die Außenansicht der Bundesrepublik und ihres Kanzlers unterscheidet sich beträchtlich und vorteilhaft von der Innenansicht. Daß Schmidt diesen Vorteil als angenehm empfindet, ist kaum überraschend. Wie sollte er sich nicht bestätigt finden, wenn ihm im Bohemian Club, dem Treffpunkt der kalifornischen Wirtschafts- und Machtelite, Komplimente für seine politische Analyse gemacht werden und wenn ihm, so jedenfalls will es die Überlieferung, empfohlen wird, möglichst so lange im Amt zu bleiben wie "good old Adenauer"; Amerika brauche Alliierte, deren Loyalität ebenso ausgeprägt sei wie ihr kritisches Vermögen. Und fast schon eine Selbstverständlichkeit ist es da, wenn in den feineren Kreisen der transatlantischen Community der Bonner Oppositionsführer Helmut Kohl als ziemlich deutsch und beschwerlich empfunden wird.