Von Karl-Heinz Wocker

Wie viele Divisionen der Papst habe, war einmal eine berühmte rhetorische Frage. Wichtiger scheint, auf welcher Seite im jeweiligen Krieg wohl der Gott stehen mag, den beide um Sieg anflehen. Freilich weiß man das erst hinterher, und um dieser Unsicherheit zu entrinnen, haben englische Kirchenmänner unter Vorsitz des Bischofs von Chester im Gebetbuch der Anglikaner neben vielem Sprachgerümpel auch die sogenannte Nationalhymne revidiert. Sie ist und war nie offiziell eine solche, sondern wurde 1745 nach einer Niederlage gegen die Schotten so lange in Londoner Theatern am Ende der Vorstellung gesungen, bis sie in Mode kam. Ein Land, in dem man sich nicht polizeilich meldet, hat auch keine vorgeschriebene Jubelweise. Aber „God save the King“ ist eingebürgert. Die Briten danken Gott auch für die beliebige Auswechselbarkeit einsilbiger Wörter wie King und Queen.

Wovor aber Schutz? Vor der Niederlage im Krieg vor allem, ferner vor den schurkischen Tricks der Feinde und überhaupt der ganzen Welt voller Teufel, Argentinier, EG-Kommissare, Celsius-Grade, sowjetischen Raketen und französischen Äpfeln. Das, dachten die frommen Reformer, werden wir nun eliminieren. Zehn Jahre brüteten sie darüber, im November soll das Resultat erscheinen, Hunderte von Hymnen, neu getextet.

Ausgerechnet in der Nach-Falkland-Szene platzt nun die pastorale Botschaft, statt vom bösen Gegner doch (nächstens) lieber von der eigenen Selbstsucht zu reden, vor der man bewahrt werden müsse. Die Patrioten kochen, die Karikaturisten sehen den Erzbischof von Canterbury bereits unterm Henkerbeil, das Chauvinistenblatt Sun fragt, ob man demnächst die Hymne wohl auf dem Kopf stehend singen müsse. Tory-Hinterbänklerboß Du Cann erklärte: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Von einer nicht zu fernen Wolke aber lächelt Theodor Heuss auf jenes England herab, wo man ihn – als Ex-Enemy – auszischte, und er besinnt sich, wie schwer es ist, Nationalgesänge abändern zu wollen.

Übrigens tauchen in der Neufassung drei Worte auf, die John Bull (oder wer sonst den Originaltext verfaßte) nicht bedachte: „unity“, „right“, „liberty“ (Einigkeit, Recht und Freiheit), allerdings nicht in einer gemeinsamen Zeile. Wenn die Hüter der kämpferischen Version erst einmal merken, wie sie da von ihren Hirten durch eine Hintertür in die Euro-Einheitsscheune getrieben werden, zu den Klängen von „Deutschland, Deutschland über alles“...