Der Libanon ist heute ein geschundenes, zerstörtes Land Dietrich Strothmann ist von Israel aus einen Tag lang ins Kampfgebiet gefahren. Hier sein deprimierender Bericht

/ Von Dietrich Strothmann

Beirut, im August

Unbarmherzig brennt die Sonne aus dem wolkenlosen Himmel auf das Land. Das Thermometer zeigt 38 Grad im Schatten. Es ist Mittag, Ruhezeit, Erholungszeit. Auch die jungen Soldaten einer Fallschirmjägereinheit machen Pause. Die einen liegen in der Vorhalle der modernen Schule von El Antonia auf ihren Schaumstoffmatratzen, ein Handtuch über dem Gesicht, und schlafen. Die anderen brutzeln sich über kleinen Propangaskochern Truthahnfleisch zurecht. Um diese Stunde, wo die Sonne am höchsten steht, wird nicht geschossen.

Knapp 60 Minuten vorher: Von der Terrasse der Scnule aus, wo der israelische Militärsprecher residiert, lassen sich die Einschläge der Panzergeschosse in das dünn besiedelte Gebiet nördlich des Beiruter Flughafens genau beobachten. Alle zehn Minuten ein Knall, dann der Einschlag, dann die aufsteigende Rauchwolke. Es läuft präzise ab, wie nach der Uhr. Dazwischen knattern Maschinengewehre, dringt der kalte, hohe Ton der Schnellfeuergewehre herauf. Da unten zwischen den flachen Häusern und niedrigen Bäumen, sterben Menschen, rufen verwundet um Hilfe, schreien vor Schmerzen.

„Entweder schlagen wir sie mitten durch, oder wir kochen sie langsam aus.“ Der zum Reservedienst eingezogene Oberst, abgeordnet als Militärsprecher, ist ein freundlicher, meist lächelnder älterer Herr. Seine forsche Sprache aber straft seinen Mutterwitz Lügen. Längst ist Beirut, der Westen dieser Millionenstadt, die einmal eine Perle des Nahen Ostens war, zum Schlachtfeld geworden. Seit sechs Wochen – seit dem Beginn der israelischen Belagerung – sterben täglich Menschen, werden Menschen verletzt, aus ihren Häusern gebombt oder geschossen. Die Belagerer drosseln Wasser und Strom, Nahrungsmittel sind nur noch zu Wucherpreisen zu haben, Krätze und Seuchen drohen.

In dem wochenlang beschossenen, belagerten Häusermeer und in den davor, nach Süden hin liegenden Flüchtlingslagern sollen sich unter einer halben Million Zivilisten – Libanesen wie Palästinensern – an die 6000 PLO-Guerillas und rund 1000 syrische Soldaten der „Arabischen Sicherheitsarmee verschanzt haben. Angeblich sind sie bereit, eher den Märtyrertod zu sterben, als sich den israelischen Okkupanten zu ergeben oder sich auf Geheiß der Vereinten Nationen oder der Arabischen Liga aus dem Libanon davonzumachen – ein paar Tausend nach Jordanien, ein paar Hundert nach Syrien, eine Handvoll nach Ägypten.