Vorsichtiger Optimismus : Zu dieser Einschätzung berechtigt nach Auffassung schwedischer Ärzte die erste Transplantation von Körpergewebe ins menschliche Gehirn. Der Eingriff wurde vor drei Monaten von Erik-Olof Backlund und Lars Olson am Karolinska-Institut in Stockholm an einem sechzigjährigen Kranken mit Parkinson-Syndrom vorgenommen. Die Operation ist Teil einer Serie von insgesamt zehn Gewebsübertragungen, welche die Ethik-Kommission der Klinik im November 1981 gebilligt hat.

Die Transplantation verlief ohne Komplikationen. Dem Patienten, der an einer medikamentös schwer kontrollierbaren Form des Parkinson-Syndroms leidet, geht es nach Auskunft von Barry Hoffer von der Universität Colorado gut(Hoffer arbeitete früher mit dem schwedischen Team zusammen). Sein Zustand hat sich nach eigenem Bekunden seither „leicht verbessert“. Die bisherige Tabletten-Therapie konnte quantitativ „beträchtlich reduziert“ werden. Eine, soweit möglich, abschließende Beurteilung soll frühestens im Oktober erfolgen; vor diesem Zeitpunkt sind weitere derartige Eingriffe nicht geplant.

Schwedische und amerikanische Neurochirurgen und Histologen (Gewebskundler) arbeiten seit acht Jahren an diesem Forschungsvorhaben, dessen Gelingen auch den Weg zur Behandlung einer chronisch verlaufenden Form des Veitstanzes, der Chorea Huntington, ebnen könnte. Bislang führt diese Form der Chorea nicht selten innerhalb zehn Jahren zum Tode.

Das Parkinson-Syndrom ist meist eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Es beginnt im typischen Falle in einer Körperhälfte mit leichtem Muskelzittern an Hand oder Bein, mit Bewegungsarmut und Muskelsteife. Die andere Körperseite wird nicht ausgespart. Ein maskenhafter Gesichtsausdruck, monoton-leise Sprache, Ruhezittern oder ein zähflüssig anmutender Widerstand bei passiven Bewegungen treten hinzu.

Auf molekularer Ebene kommt es in einem Teil des Mittelhirns, der Substantia nigra, zu einer Verarmung der Substanz Dopamin, die Befehle zwischen Nervenzellen vermittelt. Der im mikroskopischen Bild schwärzlich (nigra) eingefärbte Zellverband leitet die vom Großhirn einlaufenden, anregenden Impulse an die für Muskelkontraktionen verantwortlichen Zellen im Rückenmark weiter. Bei Dopaminmangel erklärt sich die Bewegungsarmut etwa daraus, daß die Befehle für nicht willkürliche Bewegungsabläufe nicht hinreichend weitergeleitet werden können.

In den meisten Fällen ist das Krankheitsbild nach heutiger Auffassung auf eine im früheren Leben der betroffenen Patienten schwach ausgeprägte Infektion des Hirngewebes (Encephalitis lethargica) zurückzuführen. Der Versuch, den Mangel mit Medikamenten (L-Dopa) auszugleichen, ist nur in 50 bis 80 Prozent der Fälle. befriedigend. Auch kann der Verfall der dopaminhaltigen Zellen in der Substantia nigra nicht gebremst werden.

Der Eingriff am Karolinska-Institut beruht auf der Vorstellung, daß bestimmte Zellen der Nebenniere, die in ihrem Stoffwechsel zur Synthese des Hormons Adrenalin ohnehin die Adrenalin-Vorstufe Dopamin verwerten, die Lücke füllen können. Die weniger ausgeprägte Abwehrreaktion des Hirngewebes läßt hoffen, daß die mit einer Hohlnadel eingebrachten Zellen der Nebenniere nicht abgestoßen werden.

Spätere Operationen könnten die zur Zeit noch offene Frage klären, ob derlei Implantation in mehrere Regionen des defekten Gewebes und in beide Hälften des Gehirns bessere Resultate erbringen. Peter Jennrich