Wenn hierzulande die Benzinpreise steigen, setzt bei vielen der Verstand aus – die Scharfmacher gegen die "bösen" Ölkonzerne haben Konjunktur. Argumente spielen dabei keine Rolle. Schlichte Behauptungen und Schimpfworte reichen einäugigen Verbraucherschützern und profitsüchtigen Politikern vollauf, um wirkungsvoll Stimmung gegen die "Preistreiber" und "Profiteure" von Aral bis Texaco zu machen.

Es gelingt so verführerisch leicht, des Autofahrers Blut zuverlässig in Wallung zu bringen, weil es, entgegen jedem Sachverstand, an den Zapfsäulen als ausgemacht gilt: Nur fallende Preise sind gute Preise. Werden es – wie zuletzt vor zwei Wochen – ein paar Pfennig mehr pro Liter, kann es deshalb nicht mit rechten Dingen zugehen.

Dabei ist es eigentlich nicht so schwer zu verstehen: Weil die Autofahrer in der sommerlichen Urlaubssaison häufiger tanken als irgendwann sonst im Jahr, sehen – und nutzen – die Benzinfirmen ihre Chance. Wenn sich die Kunden drängen, kann man etwas mehr verlangen – das tun Vermieter von Strandkörben und Urlaubswohnungen ebenso wie Würstchenbuden und Hotels. Im Herbst ist dann alles wieder billiger zu haben – Strandkörbe und Benzin.

Das sind normale Marktreaktionen. Doch in einer Atmosphäre von Unwissenheit und Unehrlichkeit lassen sich auch daraus Anklagen basteln, beispielsweise diese: Die Ölfirmen nehmen von den Autofahrern, was sie kriegen können. Der Satz klingt mindestens nach Räuberei und wirkt auch so. Der Satz stimmt sogar, nur nicht als Vorwurf: Denn es ist gut, daß die Ölfirmen nehmen, was sie kriegen können.

Es ist deshalb gut, weil ohne das Nehmen-wasman-kriegen-kann-Prinzip unsere Wirtschaftsordnung nicht funktionieren kann. Marktwirtschaft, auch die soziale Variante, lebt vom "häßlichen" Egoismus der Verkäufer, die möglichst viel kassieren möchten, und der Kunden, die umgekehrt so wenig wie möglich zahlen wollen. Denn nur so kann der Preis, der dabei herauskommt, das tun, was er soll: Die Wirtschaft automatisch steuern und fit halten, für das was wir von ihr verlangen: Wohlstand. Wettbewerb muß dabei allerdings herrschen und das tut er auf dem Benzinmarkt: Der Preiswirrwarr vor einigen Wochen, als zugleich einige Marken billiger wurden, als andere zwei Pfennige zulegten, beweist es. Das alles gehört zum kleinen Einmaleins der Ökonomie. Händler und Kunden auf jedem Wochenmarkt halten sich daran ebenso wie jeder Verkaufschef, gleichgültig ob er Waschmaschinen oder Herrenanzüge, Dosenbier oder Zeitungen verkauft. Doch merkwürdig, dies vor dem Publikum ehrlich zugeben mag kaum einer. Die Benzinmanager, durch öffentliche Angriffe während der vergangenen Ölkrisen besonders vorsichtig – oder besser: feige – geworden, würden sich eher die Zunge abbeißen als das Selbstverständliche offen zu gestehen.

Vermutlich liegt in dieser Unehrlichkeit und dem Unwissen auch der tiefere Grund für die blinde Publizität in allen Medien, die der Stuttgarter Verbraucherschützer Siegfried Bluth gerade genießt. Bluth rief zum Boykott gegen Aral auf, als die Firma kürzlich als erste versuchte, ihre Benzinpreise zu erhöhen. Aral scheiterte, aber nicht am Boykottaufruf. Wegen der abebbenden Urlaubswelle wurde weniger getankt. Der Markt – nicht Bluth – zwang Aral wieder herunterzugehen.

Ein Vorschlag: Irgendein Ölmanager rafft sich endlich auf und erklärt, wie er die Benzinpreise wirklich macht – und Verbraucherschützer Bluth sagt dem TV-Publikum ehrlich, nach welchem Prinzip er seinen letzten Gebrauchtwagen verkauft hat. Die Übereinstimmung wäre verblüffend.

Heinz Blüthmann