Der Pharmakonzern gab sich edel: „Die Entscheidung von EU Lilly and Company, den Vertrieb von Benoxaprofen einzustellen, setzt die Firmentradition, die Belange von Arzt und Patient in den Mittelpunkt der Bemühungen zu stellen, fort“, schrieb er am vorigen Donnerstag per Telex an alle Zeitungen. In Wahrheit entschloß sich die Firma zu dieser längst überfälligen Maßnahme erst, als ihr die britische Kommission für Arzneimittelsicherheit den weiteren Verkauf dieses Rheumapräparats im Vereinigten Königreich zunächst für die Dauer von drei Monaten untersagt hatte. Daß nunmehr auch die Gesundheitshüter anderer Länder Benoxaprofen vom Handel verbannen würden, war nur noch eine Frage von Tagen.

Schon Anfang 1981 – das mit gewaltigem Werbeaufwand unter dem Handelsnamen „Coxigon“ eingeführte Medikament war gerade ein Jahr auf dem bundesdeutschen Markt – meldeten Fachblätter Bedenken gegen die Verwendung des Mittels an. Ärzte hatten bei ihren mit „Coxigon“ behandelten Patienten Blutungen in Magen und Dann diagnostiziert. Mancher Arthritiskranke, der sich nach dem Einnehmen der Filmtablette von Schmerzen befreit fühlte, bemerkte mit Sorge, daß sich an verschiedenen Körperstellen die Haut abzulösen begann; besonders die Schleimhäute waren davon betroffen. Andere Rheumatiker hatten die wohltuende Wirkung des Präparats mit dem Verlust von Finger- und Zehennägeln bezahlen müssen.

Diese Nebenwirkungen, zu denen auch eine gesteigerte Empfindlichkeit der Haut gegen Sonnenstrahlen gehört, waren dem Hersteller schon während der klinischen Prüfung des Mittels aufgefallen und darum im Warnhinweis auf dem Beipackzettel zu lesen. Die unangenehmen Begleiterscheinungen waren tolerierbar, denn sie verschwanden wieder, wenn der Kranke mit der Einnahme der Arznei aufhörte. Doch alsbald machten Mediziner andere, schwerwiegendere Folgen der „Coxigon“-Therapie aus. Störungen der Leber- und Nierenfunktion zeigten sich, krankhafte Veränderungen an den Sehnerven und sogar Hauttumoren wurden beobachtet. Zwanzig Monate nach der Einführung des Mittels schrieben britische Mediziner zwölf Todesfälle auf das „Coxigon“-Konto. Am 20. Juli 1982 korrigierten sie die Zahl auf 48. Inzwischen sind in Großbritannien 61 Fälle registriert, bei denen „Coxigon“ im Verdacht steht, den vorzeitigen Tod von Rheumakranken hervorgerufen zu haben.

In den Vereinigten Staaten drängten Verbraucherschutzorganisationen auf ein Verbot des Arthritismittels. Unverständlich war es in der Tat, daß die sonst so strenge US-Arzneimittelbehörde im April dieses Jahres Eli Lilly grünes Licht für die Einführung des „Coxigon“-Wirkstoffs Benoxaprofen gab, zu einer Zeit also, da sich in Europa der Verdacht auf fatale Nebenwirkungen längst verdichtet hatte.

In der Bundesrepublik hätte der Stufenplan zur Abwehr von Arzneimittelrisiken wirksam werden sollen, aber nichts geschah.

Wie ist es möglich, daß trotz vorgeschriebener gründlicher Erprobung neuer Arzneimittel an Tieren und Versuchspatienten das Risiko schädlicher oder gar tödlicher Nebenwirkungen eines Präparats unentdeckt bleiben und manchmal erst nach Jahren der Anwendung erkannt werden? Schuld daran ist die Statistik. Wenn die Wahrscheinlichkeit eines Begleiteffekts gering ist, zeigt er sich in der Regel erst nach entsprechend vielfacher Anwendung des Mittels. Um einer Nebenwirkung auf die Spur zu kommen, die im Durchschnitt nur bei etwa einem unter zwanzigtausend behandelten Personen auftritt, müßte ein neues Medikament an mehr als hunderttausend Patienten klinisch geprüft werden – das könnte niemand bezahlen.

Die – bislang immer noch nur vermuteten schlimmen Folgen der „Coxigon“-Einnahme treten vergleichsweise so selten auf, daß sie in der Phase der Sicherheitsprüfungen nicht auffallen mußten. Der Firma EU Lilly jedenfalls könnte wohl kaum Vernachlässigung ihrer Sorgfaltspflicht vorgeworfen werden. Skandalös aber ist das Zögern der Behörden, die für unseren Schutz vor Arzneimittelschäden zu sorgen haben,