War denn nicht, nach zwei Jahrzehnten der Fortschritts-Verblendung, endlich wieder geklärt, daß Backsteine auch heute, nach Jahrhunderten kontinuierlichen Gebrauchs, auch nicht ein bißchen von ihrer Tauglichkeit, erst recht nicht von ihrer Modernität verloren haben? Daß ihre angeblichen Nachteile nur das Ergebnis von Pfuscherei und bauphysikalischem Leichtsinn sind? Hatte nicht vor vier Jahren, als man von der „Renaissance des Ziegels“ zu reden begann, eine ganze Phalanx ausgezeichneter europäischer Architekten (in der Zeitschrift „Baumeister“) die Unverwüstlichkeit dieses preiswerten, wirtschaftlichen Materials gepriesen, das phantasievollen Architekturen dienlich ist und wie Kein anderes mit Würde altert? Sind Backstein-Mauern nicht auch die bewährtesten und natürlichsten Energiesparer?

Gerade das jedoch glauben namentlich Bauherren, die in Gestalt von Baugesellschaften und -genossenschaften auftreten, nicht. Obwohl, wie der berühmte und gefürchtete Bauschäden-Fachmann Raimund Probst sagt, „gutes, weil richtiges Sichtmauerwerk durch keine nachträglichen Wunderzauber dichter werden kann, als es praktisch schon ist“, streunen, wie er weiß, vorgebliche „Fassadensanierer“ durchs Land „und finden massenweise Unwissende, um Geschäfte zu machen“, die sein Schweizer Kollege Paul Bossert zornig einen Milliardenschwindel nennt. Zuerst haben sie einfältige Eigenheimbesitzer dazu herumgekriegt, Plastikpappe mit aufgedrucktem Backsteinmuster an ihre Fassaden zu kleben, jetzt greift die Krankheit immer häufiger auf Wohnblöcke über. Schon werden ganze Stadtviertel verseucht.

Die Diagnose nennt als Ursache eindeutig das Energiespargesetz, eine gut gemeinte, aber, wie Fachleute sagen, wissenschaftlich schlecht fundierte Erfindung mit stadtbildentstellender, also kulturvernichtender Wirkung. Erst hatte es die Fenster-Dealer mobilisiert, die den Leuten die Sprossenfenster ausgeredet und ihnen ihre grobschlächtigen Produkte aufgeschwatzt und Abertausende von Häusern zuschanden gemacht haben, jetzt sind es die Fassadenverpacker aus der mächtigen Kunststoffindustrie, die sich nun nicht mehr bei Details aufhalten, sondern Architektur im Ganzen vernichten: Matten, auf die alte Fassade gebracht, sollen den Wärmeverlust verhindern, Kunststoffplatten darüber Durchfeuchtung verhindern.

So hat es zum Beispiel auch eine Gruppe von fünf mäßig hohen, auffallend wohlproportionierten Hochhäusern vom Anfang der sechziger Jahre im Hamburg getroffen, deren Schönheit nicht zuletzt der Backstein-Struktur zu danken war. Nun sollen nach gerade zwanzig Jahren die seit zwei Jahrhunderten produzierten holländischen. Handstrichziegel Nässe durchlassen, weil sie porös geworden sind? Fachleute bestreiten, daß das möglich sei – und wahrhaftig kann man fragen, warum noch nicht längst der gesamte soziale Backstein-Wohnungsbau der zwanziger Jahre verpackt worden ist, mehr: alles von der Backsteingotik an.

Kann sein, daß vor zwanzig Jahren auf hanebüchene Weise gepfuscht worden ist; kann sein, daß man sich aus falscher Sparsamkeit mit zu dünnen Wänden begnügt hat – aber nichts davon erzwänge eine dermaßen beleidigende Verunstaltung von Gebäuden und Vierteln. Paul Bossert in der Schweiz sagt, es sei um die Hälfte billiger und zugleich physikalisch wie ästhetisch allein richtig gewesen, den (wenn schon) durchlässigen Fassaden eine Backsteinschicht vorzumauern, statt sich nun womöglich das Gegenteil einzuhandeln. Da ja die wissenschaftliche Basis des Spargesetzes Zweifeln begegnet, könnte es sein, daß die öffentlich finanzierte Verpackung die Durchfeuchtung fördert und obendrein die Heizungskosten vermehrt, daß also ein Spargesetz in Wahrheit ein Vergeudungsgesetz ist – und eine ästhetische Katastrophe ohnegleichen in Gang setzt.

Hamburg gewährt, um dem vom Bund geförderten Feldzug gegen das Sprossenfenster zu begegnen, seinerseits Geld dazu, um die ästhetische Ausgewogenheit betagter Architektur mit energietüchtigen Sprossenfenstern zu retten. Wird es nun desgleichen tun, um Backsteinhäuser davor zu bewahren, hinter toten glatten Plastikpackungen zu verschwinden? Manfred Sack