Der Zusammenbruch der AEG

Von Richard Gaul

Bundeskanzler Schmidt hat eine Schreckensvision. Der Welt droht, so wird er nicht müde zu mahnen, eine tiefe Wirtschaftskrise wie zu Beginn der dreißiger Jahre, wenn die Regierungen nicht energisch gegensteuern. Jetzt könnte der Kanzler seine Argumentation auf ein neues Indiz stützen. Die Krise hat in der Bundesrepublik einen ganz Großen in die Knie gezwungen: AEG-Telefunken. Der Vorstand des zweitstärksten deutschen Elektrokonzerns hat am Montag die Zahlungsunfähigkeit erklären und die Eröffnung eines Vergleichsverfahrens beantragen müssen – die größte Insolvenz der Nachkriegszeit.

Mehr als alle Meldungen über die Konkurse namenloser Mittelbetriebe, die sich – 7462 in der ersten Hälfte dieses Jahres – zu immer neuen Pleitenrekorden addieren, schockiert es die Öffentlichkeit, wenn ein so großer und traditionsreicher Konzern wie die AEG im hundertsten Jahr seines Bestehens insolvent wird. Viele, die bisher die stetig wachsenden Arbeitslosenzahlen nicht geschreckt haben, weil sie ihren eigenen Arbeitsplatz sicher glaubten, werden angesichts der Schwierigkeiten der AEG nun befürchten, daß sie auch in ihrem eigenen Lebensbereich nicht ungeschoren bleiben. Wenn selbst ein Unternehmen dieser Größenordnung nicht überleben kann, dann dämmert manchem, daß die Wirtschaftskrise doch mehr als eine vorübergehende Irritation ist, mehr als nur eine von vielen schlechten Nachrichten in der abendlichen Tagesschau. Auf einmal wird die Stimmung schlecht.

Solche Stimmung aber kann, ganz unabhängig davon, was wirklich ist, auf die Wirtschaft durchschlagen. Wenn die Verbraucher sich nach dem AEG-Schock in Zukunft noch mehr zurückhalten, wenn sie Anschaffungen aus wachsender Furcht um den Arbeitsplatz verschieben, wenn das Angstsparen um sich greift – dann nährt sich die Krise aus sich selbst. Die Folge: Der ersehnte Aufschwung rückt in noch weitere Ferne.

Mit Schadenfreude

Auch die Wirkung der AEG-Insolvenz auf das Ausland darf nicht unterschätzt werden. Die Kommentatoren werden jetzt überall die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik neu zu schreiben versuchen. Wie sie die schwere Krise des Volkswagenwerks zu Beginn der siebziger Jahre als Indiz für das Ende des deutschen Wirtschaftswunders gedeutet haben, so werden sie nun die AEG-Malaise als Beginn des deutschen Niedergangs interpretieren – zum Teil gewiß nicht ohne Schadenfreude.