Von Gabriele Venzky

Bhind liegt mitten im Banditenland. Seit Jahrhunderten schon geben sich hier Bravados, Desperados, Gangster und von ihrem Besitz vertriebene Bauern ein Stelldichein. Bhind, das Provinznest im nördlichen Madhya Pradesh, ist als ein Zentrum der baghi zu zweifelhaftem Ruhm gekommen. Denn hier, im Herzland von Hindustan, regieren die Banden. Und die Menschen, die Indiens Wilden Westen bevölkern, haben für ein Spektakel immer Zeit.

So strömten sie zu Tausenden hinaus zum Marktplatz von Bhind, als dort in aller Eile ein hölzernes Podest errichtet wurde. Denn Malkhan Singh, 38 Jahre alt, einer der meistgesuchten Bandenführer des Landes, war erschienen. 100 000 Rupien stehen auf seinen Kopf – zehn Jahresgehälter eines hochbezahlten Facharbeiters.

Langsam stieg Malkhan Singh das Gerüst hinauf, neunzehn seiner Leute im Gefolge. Alle waren bis an die Zähne bewaffnet. Oben wartete schon das Empfangskomitee, angeführt vom Chefminister. Mit großer Geste kniete Malkhan Singh nieder und legte dem Minister Gewehr, Revolver und Patronengürtel zu Füßen. Raunen unter den Zuschauern. Dann die Rede an das Volk. Sein Volk? Fast hätte es so scheinen können. Denn die mittlerweile auf 25 000 Köpfe angeschwollene Menschenmenge jubelte ihm zu wie ihrem ungekrönten König. Besonders laut jubelten sie, wenn von izzat die Rede war, von Ehre. Und von Ehre war viel die Rede, bis sich Malkhan Singh und seine Männer, auf deren Konto über 60 Morde und noch viel mehr Entführungen und Überfälle gehen sollen, abführen ließen. Unter Hochrufen der Bevölkerung.

So geschehen nicht etwa im letzten oder vorletzten Jahrhundert, sondern im Juni 1982. Am nächsten Tag schreiben die Zeitungen: "Der König der Dacoits hat aufgegeben." Bedingungslos, fügt der Chefminister hinzu und trifft allseits auf ungläubiges Staunen. Nun fehlt also nur noch die Königin der Dacoits, der Räuber. Doch Phoolan Devi ist samt ihrer Bande verschwunden.

Dabei läßt die Polizei in regelmäßigen Abständen verlauten, jetzt ziehe sich das Netz unweigerlich um sie zusammen, sie sei so gut wie am Ende. Doch dann wird sie plötzlich wieder in einem Tempel in Delhi, in einem Kino in Lucknow gesichtet oder in Nepal und im berüchtigten Chambal-Tal. In Etah will man sie gesehen haben und in der Betwa-Schlucht. Die Banditin Rotini von Hamirpur, heißt es, soll zu ihrer Bande gestoßen sein. Manche wollen wissen, daß sie schon längst tot sei, andere dagegen haben genau gehört, daß sie eben erst wieder arme Kastenlose mit Beutegut reich beschenkt habe.

Seit Phoolan im vergangenen Jahr zwanzig Männer kaltblütig erschoß, seit sie immer wieder den Feuergefechten der Polizei lebend entkommt, die Polizei sogar auch häufig in die Flucht schlägt, ranken sich zahllose Gerüchte und Legenden um die 26jährige, der gefährlichsten Frau Indiens.